Kreatives Schreiben - Eine Geschichte von Viviane Pütz, 6b

Es geht im Leben nicht darum Erwartungen zu erfüllen. Glaube ich zumindest.

Ich meine, wer weiß das schon. Auf jeden Fall geht es in dieser Geschichte nicht um Erwartungen. Deswegen könnt ihr auch nicht von mir erwarten, dass ich weiß, worum es in der Geschichte hier genau geht. Aber diesen Teil der Geschichte können wir sicherlich ignorieren.

Also, diese Person, um die es geht, hieß Kiera. Sie war einer dieser Menschen, deren Leben mal ausnahmsweise nicht auf den Ansichten anderer Leute aufgebaut war. Ihr ging es nicht darum, wie andere sie sahen oder was sie in ihr sahen. Ihr ging es einzig und allein darum, das zu verkörpern, an das sie glaubte. Und das war sie selbst. Ja, okay, vielleicht war sie etwas zu selbstbewusst, aber „besser zu viel als zu wenig“. Sagte sie auf jeden Fall immer. Sie war hübsch, nicht schön, und auch nicht herausstechend, aber hübsch. Hellbraunes schulterlanges Haar, geschwungene volle Lippen und einigermaßen große Augen. Das einzig Besondere an ihr war ihre undefinierbare Augenfarbe. Es war eine Mischung aus grün, ein Wirbelsturm aus  blau und grau, und eine Explosion aus orange und braun. Nur wussten das nur wenige, da sich viele nicht einmal die Mühe machten ihr einen zweiten Blick zu schenken. Kaira störte das nicht. Ihrer Meinung nach waren es die Leute selbst Schuld, wenn sie sich so einen Anblick entgehen ließen.                                       An dieser Stelle kann man ganz gut erkennen, was ich eben mit “etwas zu selbstbewusst“ meinte.

Sie wohnte bei ihrem sieben Jahre älteren Bruder und bemitleidete sich wegen dieser Tatsache jeden Tag aufs Neue. Es waren jetzt eineinhalb Jahre her, dass sie freudestrahlend aus ihrer alten Schule gerannt war. In der eine Hand ihren 1,8-Schnitt, ihr Bauch voll gespannter Erwartung auf eine Zukunft, die erfreulich erschien. Jetzt, knapp siebzehn Monate später, verbrachte sie ihre Tage normalerweise damit Leute zu treffen, die sie ihre Freunde nannte, die Nächte durchzufeiern, auf die Couch gelümmelt alte, historische Klassiker wie „Stolz und Vorurteil“ und „Sturmhöhe“ , aber auch Science Fiction wie „Seelen“ oder „Beautiful Creatures“ zu sehen (wie man sieht, alles Verfilmungen der kitschigsten Liebesromane und Dramen überhaupt) und mit dröhnender Musik auf den Ohren jegliche Fußgänger, die spätabends noch herumliefen, locker hinter sich zu lassen.

Nichts zu tun.          

Das half ihr zu verdrängen. Diese Gedanken, diese fiesen, hinterhältigen Gedanken, die sich bei ihr einschlichen, wenn sie nichts dagegen tat, und die ihr zuflüsterten, dass sie eine Verschwendung war. Dass sie sofort weg von hier musste, weil es sonst keinen triftigen Grund, kein Argument für ihre Existenz gab. So geschah es, dass sie nach einer dieser unzähligen Nächte in heruntergekommenen Clubs und Bars draußen stand und beschloss, dass sie weg wollte. Ja, sie liebte ihre Eltern (meistens, jedenfalls) und brachte ihrem Bruder gegenüber schon so etwas Ähnliches wie Zuneigung entgegen. Aber sie wollte nicht bleiben. Konnte nicht bleiben. Sonst würde sie langsam verkümmern, zerfallen. In einen kleinen Haufen, einen Schatten ihres alten Selbst verwandeln. Verblassen. Und das durfte sie nicht zulassen. Sie wählte die ihr vertraute Nummer und legte sich schon einmal zurecht, was sie sagen wollte. Doch es nahm niemand ab. Es war zwar feige, doch sie war insgeheim froh, dass ihre Mutter ihr Smartphone wahrscheinlich wieder unabsichtlich auf lautlos gestellt hatte. Nicht jeder kam mit moderner Technik klar. Aber weil sie es ihrer Familie einfach nicht antun konnte, einfach abzuhauen, suchte sie nach der Nummer ihres Bruders und drückte dann widerwillig auf den grünen Hörer. Sie wollte gerade schon auflegen, als ihr Bruder (leider) doch abnahm. „Hallo, wer ist der Psychopath, der auf die Idee kommt, es wäre doch ganz lustig, einen armen, müden, verkaterten Studenten, um, warten Sie mal…3:11 Uhr morgens aus dem Bett zu reißen?“, ging ihr Bruder, der arme, müde, verkaterte Student, ans Telefon. Sie antwortete nur zuckersüß: „Deine über alles geliebte, kleine Schwester, Bruderherz.“ Sie meinte so etwas wie ein unterdrücktes Stöhnen oder Knurren am anderen Ende der Leitung wahrzunehmen. „Was hast du jetzt wieder für `ne Scheiße angestellt?“ Mit künstlich gekränkter Stimme erwiderte sie: „Wieso glaubst du, nur weil ich dein Leben mit meiner Stimme bereichere, muss ich irgendetwas angestellt haben?!“ Doch dann wurde sie schlagartig ernst und fügte noch hinzu: „Ich habe nachgedacht…“ „Gute Güte, so weit kommt es noch. Und wie war die Erfahrung, Schwesterherz?!“, unterbrach er sie äußerst ungalant, „…und eine Entscheidung getroffen. Eine wichtige Entscheidung.“ Jetzt wurde auch ihr Bruder ernst, räusperte sich und fragte dann: „Und, was für eine wichtige Entscheidung hast du getroffen?“ Nachdem sie noch einmal die Strapazietät ihrer Lungen prüfte, indem sie tief Luft holte, brach es dann aus ihr heraus. „B., ich kann das nicht mehr. Ich muss aus diesem Kaff raus und ich habe Angst, wenn ich es jetzt nicht tue, dann werde ich für immer hier fest sitzen und das kann ich auf keinen Fall zulassen, da ich doch so viel erleben will. Und, das hört sich jetzt so an, als würde ich um Erlaubnis bitten, was aus zwei Gründen total lächerlich ist: erstens weil ich mich niemals dazu überwinden könnte, irgendjemanden um irgendetwas anzuflehen, und zweitens wir alle wissen, dass ich es machen werde, egal ob es euch gefällt oder nicht. Und wenn du dich jetzt fragst, warum ich das jetzt dir sage und nicht Mom und Dad, dann deswegen, weil ich die beiden nicht an die Strippe kriege, ich es aber irgendwem sagen muss. Also noch einmal, ich werde weg fahren, weit weg und lange Zeit nicht da sein, worüber ihr wahrscheinlich nicht allzu traurig sein werdet“, fügte sie noch mit sarkastischem Unterton hinzu.  Als sie nach dieser Tirade nach Luft schnappte, machte sich Nervosität in ihr bemerkbar. Am anderen Ende der Leitung blieb es lange Zeit still. Dann sagte ihr Bruder etwas, mit dem sie wohl am wenigsten gerechnet hätte: „Ich bin stolz auf dich und darauf, dass ich dein wundervoller, umwerfender, genialer Bruder bin.“ Sie hatte gleichzeitig das Bedürfnis zu grinsen, die Augen zu verdrehen und vor Rührung zu heulen. „Na ja, auf jeden Fall, wenn du mich nicht gerade um 3 Uhr morgens weckst. Und, Sis? Komm bald wieder nach Hause. Hab…hab dich lieb.“ Und damit legte er auf. „Ich dich auch.“, diese Worte halten durch die Nacht, die langsam vom Tag erfasst wurde, dazu verdammt nie mehr gehört zu werden.

Die Traurigkeit, die drohte sie zu erfassen, machte schnell einem anderen Gefühl Platz. Einem unbekannten Gefühl. Einer Mischung aus Glück, Aufregung, Angst und ……Freiheit.                                               

Ja, es war Freiheit, mit der sie in ihren gebrauchten, von ihr über alles geliebten, orangen Fiat 500 stieg, mit nichts als einem Party-Kleid, 300 Dollars und einem Plan, der nicht existierte. Und so fuhr sie mit offenem Fenster, mit wehenden Haaren auf den wie ausgestorbenen Straßen in den Morgen, mit dem Wunsch im Herzen die Unbeschwertheit und Freiheit besser kennen zu lernen.