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Ich poste, also bin ich!
Identitätsbildung bei Jugendlichen

Neuss, den 21.11.2016 Vorbei die Zeiten, in denen Jugendliche in Anlehnung an Descartes lernten, dass ihr Denkvermögen zugleich ihr Vermögen zur Existenz wesentlich ausmache...? In provozierender Form hatte Professor Dr. Franz Josef Röll bei der Einladung zu seinem Vortrag mit der bekannten Formulierung von Descartes, "Ich denke, also bin ich!" gespielt. Und tatsächlich bewies ein bis auf den letzten Platz gefülltes Forum der Schule Marienberg,

dass hiermit eine Veränderung im Verhalten von Jugendlichen angesprochen wurde, die Eltern, Pädagogen und die Jugendlichen selbst beschäftigt. Es war also den Verantwortlichen des Edith Stein Familienforums, das diese Vortrags- und Diskussionsreihe in Kooperation mit dem Erzbischöflichen Gymnasium Marienberg und dem Erzbischöflichen Berufskolleg Neuss durchführt, erneut gelungen, ein hochaktuelles Thema zu platzieren. Dabei wählte der Referent eine eigenwillige, passagenweise durch große Sprechgeschwindigkeit gekennzeichnete Präsentationsform, die von ihm als „postmoderne Erzählform“, als „Steinbruch“, analog zu dem Mediennutzungsgewohnheiten der Jugendlichen, bezeichnet wurde.


Ausgehend von den allen Zuhörern bekannten Szenen des öffentlichen Lebens, wie sich diese beispielsweise in Bussen und Bahnen abspielen, entwickelte Röll seine erste These: Es gehe bei dieser Form der Kommunikation in erster Linie nicht um einen Dialog/Diskurs im herkömmlichen Sinne, sondern darum, sich selbst zu zeigen, in gewissem Maße sich selbst zu entblößen, um zu demonstrieren, „dass ich wichtig bin“. Dementsprechend sei die moderne Kommunikation im Alltag durch ein hohes Maß an Entfremdungsmerkmalen gekennzeichnet.


Als zentraler Faktor für die aktuelle Situation von Gesellschaft und Individuum sei dabei die Beschleunigung in allen Lebensbereichen als Signatur der Moderne zu nennen. Die damit verbundene Komlplexität führe zu einer wachsenden Undurchschaubarkeit. Der Jugendliche verliere die Möglichkeit zu einer Ausbildung seiner Identität durch den Verlust, Handlungswissen, das bis dahin traditionell durch leitende Normen und den Glauben des Einzelnen seine Grundlegung erfahren habe, zu erwerben. Dieser Prozess führe zu einer Entzauberungsdimension, die den einzelnen Jugendlichen überfordere. In diesem Zusammenhang würden Online-Gemeinschaften eine neue Reintegrationsdimension eröffnen.

Die neue Form der Kommunikation in den Medien sei dementsprechend durch das Prinzip der Fragmentarisierung gekennzeichnet: Die Lebenswelt der Jugendlichen löse sich in eine Vielzahl von Handlungszusammenhängen auf, dementsprechend seien Leitbilder, die sich Jugendliche heute wählen, ebenfalls fragmentarisierte Leitbilder, da sie aus vielen unterschiedlichen Quellen gespeist würden. Röll zitiert hier das Votum eines Jugendlichen, der davon gesprochen habe, dass seine Generation heute „professionell schizophren“ sein müsse, um einer solchen Parallelexistenz in verschiedenen Welten gerecht werden zu können.

Entsprechend charakterisiert Röll den Wandel im Rahmen der modernen Identitätsbildung von Jugendlichen: Früher sei Identität im Wesentlichen über soziale Interaktion ausgebildet worden, die dann im dialogischen Austausch zwischen den Beteiligten reflektiert worden sei, was zu einer fortschreitenden Selbstreflexion und damit wachsenden Identität des handelnden Jugendlichen geführt habe.

Demgegenüber werde Identität im heutigen Medienzeitalter ganz anders geprägt. Diese sei nicht mehr primär an Handlungsprozesse gebunden, sondern entwickle sich wesentlich in einer Art Spiegelung des einzelnen Ich in der Rückmeldung durch die Anderen, wie diese im Rahmen digitaler Kommunikation geschehe. Historisch gewachsene Lebensformen wie Dorf, Familie etc. würden sich parallel immer stärker auflösen.

Das bringe im Rahmen der Ausbildung der eigenen Identität für Jugendliche eine verstärkte Öffnung der Heranwachsenden mit sich, eine Suchbewegung nach einem anderen, neuen „Ich“, die im Rahmen der digitalen Medien erfolge. In Zukunft sei deshalb von einem multiplen Ich auszugehen bzw. von Identitätsfragmenten, die ein Jugendlicher ausbilde, wobei der Einzelne stärker gefordert werde, an seiner Selbstkonstitution mitzuwirken. Röll zitiert in diesem Zusammenhang Keupp: „Subjekte erleben sich als Darsteller auf einer gesellschaftlichen Bühne, ohne dass ihnen fertige Drehbücher geliefert werden“.

Röll spricht von der Selbstnarration, also einem Aufbau von Identität, der über das Erzählen von Geschichten, das Spiel mit Sprache, Bildern und Tönen geschehe, wozu Formen der Kommunikation wie youtube die entsprechende Plattform bereitstellen würden. Die Beispiele von Röll, die er hierzu aus youtube einspielte, belegten seine These eindrücklich, so die Selbstnarration einer jungen Frau, die offensichtlich weniger an Reaktionen der Außenwelt interessiert zu sein scheint, sondern ganz offensichtlich der Selbstvergewisserung dient, ein ultimatives Selfie, das in Form eines Films von 7.5 Stunden gedreht wurde, derart, dass tägliche Bilder des betreffenden jungen Mannes eindrucksvoll seine Veränderungen über Jahre hinweg dokumentieren, die sog. Haul Videos, die z.B. stundenlang das Schminken von Augen demonstrieren würden u.v.m. .

Youtube sei damit zu einer Art Parallelwelt für Jugendliche geworden, phasenweise würden 47 Prozent aller Jugendlichen angeben, dass sie selbst Youtuber werden möchten. Röll verweist hier auf ausgesprochen intelligent produzierte Formate wie „Y-Titty“ in dem Beitrag „Hipster“ oder „Le Floid-leNews“ als moderne Form der „Tagesthemen“ für Jugendliche.

Das moderne Web 2.0 begünstige dabei Formen der parasozialen Interaktion, die auch dadurch gekennzeichnet seien, dass die traditionelle Konsumentenhaltung jederzeit zu einer Produzentenhaltung verändert werden könne. Als Beispiel nennt Röll die Plattform Snapchat, auf der zur Zeit täglich 150 Millionen Bilder gepostet würden. Damit erreichen die modernen Formen der digitalen Kommunikation nach Röll über die Aufhebung der linearen Abfolge eine post-narrative Erzählform.

Interessant erscheint in diesem Zusammenhang auch der Hinweis des Referenten auf die Tatsache, dass sich der moderne Arbeitsmarkt auf diese neuen Formen der Selbstpräsentation eingestellt habe:

Arbeitgeber hätten schon lange darauf reagiert, dass die modernen Medien die eigentliche Plattform eines selbstpräsentierenden Verhaltens der jeweiligen Bewerber bilden würden. So gebe es auf Seiten der Firmen als künftigen Arbeitgebern Analyse- und Auswertungsverfahren für die Art der fotografischen Selbstpräsentation von Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei facebook, ebenso wie Analysemöglichkeiten für die Darstellung des Freundeskreises, die für eine gezielte Analyse des sozialen Milieus der Bewerber genutzt würden über die Erstellung eines sogenannten Friendwheels. Teilweise seien Firmen dazu übergegangen, Mitarbeiter über Profilangaben bei facebook gezielt zu suchen. Hierbei formuliert Professor Röll eine deutliche Warnung: Jede Seite, die gesetzt worden sei, könne über zehn Jahre hinweg rekonstruiert werden!

Röll selbst sieht in der Entwicklung der neuen digitalen Medien ein Folge der Entwicklung spätkapitalistischer Strukturen in der modernen Gesellschaft, die Distanz und eine oberflächliche Kooperationsbereitschaft zu Handlungsmaximen herausgebildet und damit ursprünglich sehr viel stärker gegebene soziale Bindungen wie Loyalität und Dienstbereitschaft verdrängt hätten. Für den modernen Arbeitnehmer seien daher häufig flüchtige Formen von Gemeinsamkeit von größerer Bedeutung als langfristige Verbindungen. Emotional schwache Beziehungen würden in großer Zahl zugleich ein höheres soziales „Kapital“ bilden, da sie informationstheoretisch eine deutlich höhere Zahl an Neu-Informationen generieren könnten.


Mit dieser gesellschaftspolitischen Analyse steht der Referent deutlich im Kontext seiner eigenen Lernbiographie und den theoretischen Ansätzen der Universität, an der er tätig gewesen ist. Gefragt werden müsste darüber hinaus aber auch nach dem Grund für die weltweite Verbreitung der von ihm angesprochenen Phänomene sowie nach einem sich hieraus ableitenden bildungspolitischen Ansatz, der den angesprochenen Tendenzen im Rahmen der modernen Identitätsbildung von Jugendlichen gerecht werden kann.

Vielleicht erklärt sich ja auch auf diesem Hintergrund der wachsende Zuspruch zu konfessionell gebundener und motivierter Bildungsarbeit, den christliche Schulen immer wieder in Gesprächen erfahren, wenn Eltern für die Erziehung ihrer Kinder dezidiert einen verbindlichen Wertehorizont als Orientierungsrahmen wünschen?

 

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