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Schulleiter Josef Burdich
Marienberg für G9 plus Zusatzoption G8
Überlegungen zum Umbruch G9/G8

Nachgefragt.... Josef Burdich äußert sich im Interview zur aktuellen Diskussion um G9/G8....

Nachgefragt

 

Josef Burdich äußert sich im Interview zur aktuellen Diskussion um G9/G8 und positioniert Marienberg klar im Zusammenhang von G9 mit einer Zusatzoption für G8 

 

„Herr Burdich, Sie verfügen über eine langjährige Erfahrung im Umgang mit bildungspolitischen Umbruchs-und Übergangssituationen.

Als Fachlehrer für Geschichte und Latein haben Sie zunächst u.a. einen ersten Schwerpunkt in der Montessori-Pädagogik gesetzt, haben danach für fünfzehn Jahre als stellvertretender Schulleiter des Gymnasiums Marienberg in Neuss gearbeitet und sind seit 2006 als Direktor dieser Schule tätig.

Welche Umbrüche in dieser Zeit sind Ihnen besonders nachhaltig in Erinnerung? 

 

Während die 90er Jahre bildungspolitisch noch vergleichsweise ruhig verliefen, sodass lediglich mehrere kurzlebige Rechtschreibreformen die Schulbuchverlage in die Verzweiflung trieben, wurden mit der Einführung des Zentralabiturs in NRW, der Verabschiedung einer Verpflichtung auf die individuelle Förderung eines jeden Schülers und der folgenden Festlegung unserer Gymnasien auf G 8, die lediglich aus volkswirtschaftlichen Gründen erfolgt ist, tief greifende Veränderungen zementiert. Als sei das nicht genug, folgten die Thematisierung der Inklusions- und Integrationsproblematik.

All diese Anliegen, die sicherlich bei gründlicher Betrachtung wichtig sind und ihre Berechtigung haben, wurden innerhalb der zurückliegenden zehn Jahre durchgepeitscht und ließen infolgedessen einer ganzen Schülergeneration und den sie begleitenden Lehrern kaum Platz zum Atemholen. Man kann den Schulen und besonders den Gymnasien - bei allen verständlichen Folgeproblemen wie Fachlehrermangel und dem völligen Fehlen einer Vertretungsreserve bei der Lehrerversorgung sowie dem daraus an einigen Schulen resultierenden Unterrichtsausfall – nur Bewunderung aussprechen, dass sie ihrer Aufgabe mit gleichbleibendem Erfolg, ja sogar, wenn man den PISA-Ergebnissen trauen möchte, mit einer Leistungssteigerung gerecht geworden sind. Der große Vorwurf unsererseits bei all den eben aufgezählten Neuerungen lautet aber: Es wurden politische Pflöcke eingeschlagen, aber die pädagogische Umsetzung, die eine finanzielle und personelle Abdeckung einschließt, war mangelhaft. Erst nach dem ersten Abiturjahrgang mit G 8 folgten die entsprechenden Richtlinien und erst im Anschluss daran konnten die darauf aufbauenden Schulbücher veröffentlicht werden! So waren auch die Kommunen auf die ihnen zufallende Aufgabe, Mensen für eine somit notwendig gewordene Übermittagsbetreuung der Schüler zu bauen, gar nicht vorbereitet. Und auf diese Weise könnte man die Litanei an Versäumnissen und viel zu spät erfolgten Korrekturen fortsetzen. 

 

Die Landtagswahl 2017 hat für Nordrhein Westfalen nachhaltig einen Wendepunkt markiert, der auch und gerade im bildungspolitischen Kontext seinen Niederschlag gefunden hat.

Wie stellt sich für Sie die aktuelle schulpolitische Situation dar? 

 

Wir nehmen den Elternwillen, der sich in unseren Augen klar in der Landtagswahl dieses Jahres 2017 spiegelt, sehr ernst: G 9 ist gewünscht und damit wird ein klares Votum für eine Entschleunigung der Bildungsarbeit gerade auch an den Gymnasien gesetzt.

Dies entspricht auch unseren Einschätzungen und den Erfahrungen aus den letzten zehn Jahren: Natürlich kann G 8 verwirklicht werden. Voraussetzungen dafür sind, eine entsprechende Bereitschaft und ein entsprechendes Engagement des Lehrpersonals gegenüber den gesteigerten Anforderungen an eine im Durchschnitt jüngere Schülerschaft und bei einer mittlerweile auch überwiegend deutlich reduzierten Obligatorik zu schaffen; das beweisen eindrücklich die gerade an Marienberg überaus erfolgreichen Abiturjahrgänge der letzten zehn Jahre, in denen regelmäßig 41 bis 45% unserer Schülerinnen auf ihrem Abiturzeugnis bei ihrem Durchschnitt mit einer 1 vor dem Komma rechnen durften. Aber durchweg sind diese Absolventinnen beim Abitur noch sehr jung und spürbar eher unentschlossen in ihrer Zukunftsplanung, viele planen über Auslandsaufenthalte etc. ein zusätzliches Jahr, das sie auch gezielt für eine Reifung ihrer weiteren Lebensplanung nutzen möchten. Wir nehmen das Votum unserer Eltern ernst, wenn diese bei G8 in der Mittel- und Oberstufe fehlende Freizeit und eine einseitige Fixierung auf Noten und Leistungsvermögen beklagen. Ein solcher Ruf nach Entschleunigung ist nur zu begrüßen. Denn in allen pädagogischen Zusammenhängen ist nichts wichtiger als Ruhe und Raum für die einzelne Schülerin, die eine Entfaltung ihrer jeweiligen persönlichen Möglichkeiten gestatten. Eine solche Haltung unseren Schülerinnen gegenüber entspricht darüber hinaus den Maßstäben, die ein christliches Menschenbild setzt. 

 

Welche Antwort hat Marienberg für diese erneute Umbruchsituation? 

 

Wir glauben, dass G 9 für die Mehrzahl eines Jahrgangs der richtige Weg ist. Das ist ein in unseren Augen über Jahrzehnte erprobter Erfahrungswert. Gerade in den Jahren der persönlichen Veränderungen, in der Pubertät, muten wir bei G 8 unseren Schülerinnen ein sehr hohes Maß an unterrichtlicher Verdichtung zu: alle Fächer werden in dieser Jahrgangsstufe unterrichtet, denn die Spezialisierung folgt erst in der Oberstufe. Deshalb ermöglicht es G 9, den Alltag am Gymnasium gerade in der Mittelstufe wieder schülergerechter zu gestalten.

Darüber hinaus sollte aber auch denjenigen Schülerinnen eines Jahrgangs, die in ihrer persönlichen Entwicklung und ihren Fähigkeiten dementsprechend aufgestellt sind, die Chance gegeben werden, ihre Schullaufbahn zu verkürzen. In diesem Zusammenhang verweisen wir auf das bis zum Jahr 2013 an Marienberg mit sehr großem Erfolg praktizierte Modell, das es vorsah, geeigneten Schülerinnen am Ende der Sekundarstufe I einen Sprung von der Jahrgangsstufe 10.1 nach 11.2 zu ermöglichen, das sogenannte „Springermodell“, das dann de facto auf eine achtjährige gymnasiale Laufzeit zielt.

Dies geschieht dann allerdings mit professioneller Förderung durch sie begleitende Lehrer und Lehrerinnen: Von den Herbstferien bis zu den Osterferien wurden diese Schülerinnen auf das Springen in nachmittäglichen Intensivkursen auf den Sprung von der Klasse 10 in die Jahrgangsstufe EF als erster Stufe der Oberstufe, vorbereitet und nach diesem Springen noch eine entsprechende Zeit lang begleitet. Wir halten diesen Zeitpunkt für den Wechsel zum G8-Modell in entwicklungspsycholgischer Hinsicht für am besten geeignet.Von diesem Angebot haben bis 2013 an Marienberg jährlich zwischen 5 und 15 Schülerinnen eines Jahrgangs sehr erfolgreich Gebrauch gemacht! Also ein erprobtes Modell, auf das wir bei dem Wechsel zu G9 als Zusatzoption zurückgreifen werden!

 

 

Das heißt, Sie verstehen das duale Angebot von G9 plus G8 primär auch als eine Antwort auf die unterschiedlichen Entwicklungsbiographien ihrer Schülerinnen und weniger als eine Antwort auch den vieldiskutierten Begabungsbegriff? 

 

An Marienberg werden regelmäßig die Mädchen aufgenommen, denen wir es nach einem Gespräch im Beisein ihrer Eltern zutrauen, dass sie den gymnasialen Bildungsweg schaffen. Dabei sind wir uns darüber im Klaren, dass der Zeitpunkt der Aufnahme nur einen Moment in der persönlichen Entwicklung einer jeden Kandidatin widerspiegelt. Die vorher nicht kalkulierbare Phase der Pubertät mit all ihren Spannungen, Überraschungen und Möglichkeiten bzw. deren Bewältigung entscheidet dann auch über den weiteren individuellen Weg einer Schülerin. Es ist also eine Frage der Reife, ob man mit 15 bereits in die Oberstufe gehen könnte bzw. kann. Aus diesem Grund halte ich es, ebenso wie das Kollegium unserer Schule, also für sinnvoll, sich unserem über 20 Jahre hinweg erprobten Verfahren einer Schullaufbahn im Sinne von G9, parallel zur Zusatzoption von G8, wieder zu öffnen. 

 

Welche Forderungen verbinden Sie hiermit an die Vertreter der Bildungspolitik? 

 

Zunächst erwarte ich sorgfältige und unterfütterte Entscheidungen und keine Schnellschüsse; mit einem Paradigmenwechsel müssen entsprechende Richtlinien und Lehrmittel einhergehen. Es müssen finanzielle und personelle Ressourcen ausgeschöpft werden. Dabei sollten aber auch aktuelle, spürbare veränderte gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die daran geknüpften Erwartungen der Erziehungsberechtigten berücksichtigt werden: Individuelle Förderung, eine schulische Betreuung der häuslichen Nacharbeitung und Vertiefung (wenn erwünscht), inklusive und integrative Problematiken müssen mit einem dem entsprechenden personellem Mehr bedacht werden, denn unser pädagogisches Feld bedeutet immer auch eine Investition in die Zukunft unserer Gesellschaft und ist kein Bereich, in dem Einsparungen zu politischem Konsens führen könnten, wie dies die über alle Parteien hinweg aus finanziellen Erwägungen durchgewinkte G 8-Entscheidung Glauben machte.

Es ist richtig, dass erst 2019/20 eine Umkehr zu G 9 erfolgen soll, sofern die dazwischen liegende Zeit auch für die Umsetzung entsprechend genutzt wird.

  

Was wünschen Sie Eltern und Kindern ganz besonders in dieser Umbruchszeit? 

 

Ich persönlich wünsche den Eltern, die in dieser Umbruchszeit ihre Töchter nach Marienberg gegeben haben und aktuell geben, die Ruhe und das nötige Vertrauen: Wir haben mit Gelassenheit und sehr erfolgreich in den letzten 10 Jahren G 8 gemeistert. Nun sehen wir die Chance, die pädagogische Arbeit für die Jugendlichen der nächsten Generation wieder unter Bezug auf bewährte Erfahrungen im Sinne von G9 ausrichten zu können. So ist es unser Wunsch, dass Eltern und Kinder unserer Verantwortungsbereitschaft vertrauen - gemäß unserem Versprechen, Mädchen stark machen zu wollen. Denn darauf verstehen wir uns, und das seit 160 Jahren mit großem Erfolg!

 

 

 

 

 

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