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Um Frieden beten
100 Jahre Ende des ersten Weltkriegs
Auf Spurensuche in Flandern

Es ist das eine, die Dinge zu ahnen...Mit Link zum Live-Interview im Domradio

Priez pour Paix!

Es ist das eine, die Dinge zu ahnen und das andere, die Dinge zu erleben, und auch Musik zu erleben heißt noch nicht, Musik zu durchleiden. Im Mittelpunkt der Chor- und Orchesterarbeit des Gymnasiums Marienberg stand seit gut einem halben Jahr die Vorbereitung des Konzertprogrammes „1918-2018 – Krieg und Frieden“ und schon davor war klar, dass die Erinnerung an das Ende des Ersten Weltkriegs nicht nur in Neuss stattfinden sollte, sondern auch in der blutgetränkten Erde Flanderns, das bis heute die Narben der Vergangenheit trägt und wo hunderttausende hoffnungsvolle junge Männer, Söhne, Freunde, Ehepartner, Väter und Kollegen in Reih und Glied unter endlosen Reihen von Kreuzen und Steinen eine stumme Mahnung zum Frieden schreien. Daher hatten wir frühzeitig Kontakte nach Flandern geknüpft, um als Musiker und Freunde aus Deutschland im Geiste der Verbrüderung Raum und Vergangenheit zu erleben und zu teilen. Dass aus dem Erleben ein veritables Durchleiden wurde, überstieg unsere Erwartungen. Spätestens aber als wir uns nach dem Besuch des Soldatenfriedhofes Tyne Cot in Zonnebeke bei Paschendaele und dem Besuch des Flanders Fields Museums zur Friedensvesper in die eisige Kathedrale von Ypern begaben und dort Poulencs „Priez pour Paix“ sangen, waren Musik, Ort und das Gedenken eins geworden. Diese Einheit erhielt in den darauf folgenden Stunden weitere Dimensionen. Ich glaube, niemand, der die Ehre hatte, eine Stunde nach der Vesper am berühmten Last Post teilzunehmen und unter der von mehreren hundert Menschen bevölkerten Menenpoort mit den eingravierten Namen von 56.000 vermissten Soldaten zu stehen, wird je die unfassbare Stille vergessen, die dem Zapfenstreich der Trompeter vorausging und der wir uns mit Poulencs Friedensbitte anschließen durften. Die nächste Dimension eröffnete sich, als wir nach dem imperial-stolzen alliierten Friedhof am Samstagmittag den deutschen Soldatenfriedhof Vladslo erreichten, der im flämischen Nieselregen und seinen flachen Steinreihen so trist und geduckt dalag und über dessen ewigen Gräberreihen die gramgebeugten steinernen Eltern aus der Hand Käthe Kollwitz‘ wachen, deren Sohn Peter unmittelbar vor den trauernden Eltern seine letzte Ruhe fand. Ich habe selten erlebt, dass Jugendliche minutenlang bei einem Kunstwerk verharrten, die Sichtachse der Skulpturen aufgriffen und den Blick der Millionen trauernden Eltern in der Menschheitsgeschichte auf die Gräber ihrer sinnlos geschlachteten Kinder für ein paar Augenblicke teilten. Als dann eine unserer Musikerinnen den Namen ihres Urgroßvaters auf einem Stein entdeckte, wurde die Rührung für einige von uns beinahe körperlich spürbar. Von Vladslo aus ging es dann zu unserem nächsten Auftrittsort Diksmuide, wo wir vom Ijzertoren auf die ehemalige Frontlinie, dieses so flache und öde Land und die im Kriege völlig zerstörte Stadt blickten und uns im hervorragend konzipierten Kriegsmuseum auf die Messe einzustellen begannen, die wir in der dann auch im 2. Weltkrieg noch einmal zerstörten Kirche gestalten durften. Hier erklangen erstmals auch die anderen Programmpunkte wie zum Beispiel Teile aus Faurés Requiem und das zu dieser Stadt so eindrücklich passende „Wie liegt die Stadt so wüst“ von Rudolf Mauersberger.

Der Sonntag schließlich bescherte uns ein kleines Konzert in der großartigen Sint-Maartens-Kerk von Kortrijk, in der die musikalischen und historischen Erlebnisse einen würdigen Abschluss fanden. Von dieser Fahrt und diesem Programm wird vieles bleiben: die unglaubliche Liebenswürdigkeit und Dankbarkeit unserer Gastgeber, die Stille und die Musik, der Lebenswille der Menschen, die die vernichteten Städte Ypern und Diksmuide in Würde und Pracht wiederaufgebaut haben und die Erinnerung an die Grauen des Krieges zum selbstverständlichen Teil ihres Lebens gemacht haben, eine Erinnerungskultur, die nicht auf Plattitüden für die Zukunft baut, sondern um die Toten des Großen Krieges auch ihrer selbst wegen trauert, an ein großartiges Gemeinschaftsgefühl unter uns Musikerinnen und Musikern und an einen geplatzten Busreifen, der uns beim Warten auf den Pannendienst auf dem Standstreifen der Autobahn die Möglichkeit gab, noch weitere vier Stunden über das Erfahrene zu meditieren.

Vor allem aber wurden wir uns mehr denn je bewusst, wie gefährdet wir Menschen und unsere Welt sind, wie viele Menschen auch heute unter dem Grauen von Kriegen leiden und wie sehr uns Gottvertrauen und Musik trösten können.

Michael Köhne

Fotos: Klara, Klasse 9a - Orchestermitglied

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