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Wozu brauchen wir katholische Schulen?
Auf diese Frage möchte ich vier Antworten geben.
1. Im Blick auf junge Menschen, die in unseren Schulen erzogen und gebildet werden, brauchen wir dringend katholische Schulen, die nicht jede erziehungswissenschaftliche Neuheit als Allheilmittel propagieren, sondern den einzelnen Menschen und seine spezifische Förderung in den Mittelpunkt ihres Bemühens stellen. Wir brauchen Schulen, die bewährte Traditionen fortführen und die Neuerungen auf diesen aufbauen. Schulen, die nicht jede modernistische Torheit auf dem Rücken unserer Kinder und Jugendlichen austragen.
Jahrzehntelang wurde in der Bildungsdiskussion des Schulministeriums in Nordrhein-Westfalen beispielsweise die Erziehung der Schüler oder aber die Förderung begabter Schüler vernachlässigt. Unter dem Druck der Wirtschaft und der Globalisierungstendenzen werden nun plötzlich Zeugnis-Kopfnoten gefordert und in Nordrhein-Westfalen wird die Begabtenförderung zum zentralen Anliegen erklärt. Noch vor zehn Jahren durfte das Wort „Begabung“ nicht in den Mund genommen werden, und Schulen, die bewusst diesen Aspekt mit berücksichtigten, wurden als elitär diffamiert. |
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2. Wir brauchen katholische Schulen, die eine ganzheitliche Erziehung junger Menschen in den Mittelpunkt rücken, die ein schulisches Umfeld schaffen, in dem alle Kräfte und Fähigkeiten des einzelnen Menschen angesprochen werden, in dem nicht nur intellektuell-wissenschaftlich sorgfältig ausgebildet wird, sondern in dem die Förderung der Sozial- und Humankompetenz ein wesentliches Anliegen ist. Dies ist an katholischen Schulen deshalb eher als an staatlichen Schulen zu erreichen, da Lehrer und Schüler nicht von ganz unterschiedlichen Menschenbildern ausgehen sollten, sondern das christliche Menschenbild das Fundament aller Erziehungsbemühungen ist. Dieses christliche Menschenbild ist im wesentlichen dadurch geprägt, dass Gott als Schöpfer anerkannt wird, der jedem Menschen besondere Begabungen und Fähigkeiten verliehen hat, mit der er seine Verantwortung in der Welt wahrnehmen muss und kann. Verantwortung für das eigenen Leben und Verantwortungsbereitschaft für andere Menschen ist deshalb ein wichtiges Erziehungsziel der katholischen Schule. Als Christen wissen wir, dass wir unser Leben von Gott geschenkt bekommen haben und es an ihn zurückgeben. |


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3. Aus der Sicht der Eltern brauchen wir katholische Schulen, da die katholische Schule aufgrund des ausgewiesenen gemeinsamen Wertefundaments der Ort einer Erziehungsgemeinschaft werden kann, an dem Eltern und Lehrer vertrauensvoll sich über die Erziehungsziele austauschen, an dem sie ehrlich Probleme bei auftretenden Schwierigkeiten aussprechen dürfen und sich gegenseitig bei ihren Bemühungen unterstützen können. Dies bedeutet, dass offen darüber diskutiert werden muss, welche Erziehungsbereiche ihren Platz in der Familie haben und den Eltern nicht vorgespielt wird, die Schule könnte alle Erziehungsaufgaben übernehmen und die Familie davon entbinden. Dies ist ein gefährlicher Irrweg und ein fundamentaler Irrtum, der seit Jahrzehnten die Bildungslandschaft in Nordrhein-Westfalen prägt und der bei Misserfolg im Erziehungszusammenhang zu ungerechtfertigten Schuldzuweisungen und Frustrationen auf beiden Seiten führt.
Unsere Gesellschaft, die unter einen explosionsartigen Glaubensverlust leidet braucht heute nötiger denn je katholische Schulen. Wer die Diskussion um Abtreibung, um aktive Sterbehilfe, um die Erlaubnis der Ausweitung der Genforschung auf größere Bereiche verfolgt, stellt mit tiefer Besorgnis fest, wie immer mehr ein verantwortungsloser Machbarkeitswahn um sich greift. Ein Machbarkeitswahn, der geschürt wird von wirtschaftlichen Interessen, von Forscherehrgeiz und von Politikern, die immer weniger klare ethische Grundpositionen verteidigen, dafür aber immer mehr dem Zeitgeist frönen, weil sie sich so hohe Stimmenzahlen ihrer Wähler erhoffen. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an den neuernannten Kultusminister Nida-Rümelin,der öffentlich darüber philosophiert, dass man erst dann von einem Menschen sprechen könne, wenn dieser im Bewusstsein seiner geistigen Fähigkeiten über sich selbst bestimmen könne. So wird plötzlich die durch das Grundgesetz geschützte Würde des Menschen durch den „Wert des Menschen“ ersetzt. Die fürchterlichen Folgen, die aus einer solchen Neudefinition erwachsen, sind noch nicht abzusehen. An katholischen Schulen aber lernen die jungen Menschen, die später als Juristen, Wissenschaftler, Biologen, Ärzte usw. arbeiten werden, dass die Wissenschaft uns keine existenziellen Fragen beantworten kann. Bildung, die an der katholischen Schule vermittelt wird, kennt die Grenzen des eigenen Wissens und weiß, dass Wissen ohne ethisches Fundament zur absoluten Beliebigkeit führt. Damit wir bei unseren Schülern diese Einsicht erreichen, müssen die naturwissenschaftlichen mit den geisteswissenschaftlichen Fächern vernetzt werden. Es darf beispielsweise bei der Besprechung der Fortpflanzungsmedizin und der Gentechnologie im Biologieunterricht nicht bei einer biologistischen Vermittlung von Kenntnissen und Methoden stehengeblieben werden, sondern stets muss die Frage nach den Prämissen, auf denen wissenschaftliche Erkenntnisse erwachsen sind und nach den anthropologischen Folgen gestellt werden. Dieses Beispiel und die daraus erwachsene Frage, darf der Mensch was er kann, ließe sich in zahlreichen Fächern diskutieren. Dies aber setzt voraus, dass Lehrer an katholischen Schulen nicht Schmalspur-Fachlehrer sind, sondern dass sie es gelernt haben, ihre Fächer und deren Inhalte in einem humanen, existenziellen Zusammenhang zu bedenken. Nur so können sie auch eine sinnvolle Wahl der Unterrichtsgegenstände treffen, die den Schülern den Zusammenhang von Lerngegenständen und eigenem Leben sichtbar werden lässt.
4. Aus der Sicht der Christen brauchen wir dringender denn je katholische Schulen. Ich setze dabei voraus, dass wir als Christen von der freimachenden und erlösenden Botschaft des Christentums überzeugt sind, die zum Fundament für unser Leben werden kann. Wo anders in dieser glaubensleeren Welt hätten wir als Christen eine bessere Möglichkeit, so vielen jungen Menschen Jesus Christus näherzubringen. Dies setzt allerdings klare Positionen voraus. Wir müssen beispielsweise die Möglichkeit der freien Schulen besser nutzen. Dies bedeutet, dass wir nicht unbedingt die auf einem Minimalkonsens beruhenden dünnen Richtlinien im Fach Religion an unseren Schulen unreflektiert übernehmen, sondern klare Akzente setzen. Dies gilt im wesentlichen auch für andere Fächer.
Nicht nur in der Theoretischen Reflexion über Glaubensinhalte, sondern im praktischen Glaubensvollzug sollen die Schüler an katholischen Schulen ihren Glauben erleben. Die ermöglicht die wöchentliche Schulmesse, in der die Schüler den Spannungsbogen des Kirchenjahres nachvollziehen lernen, und im Laufe der Zeit Verständnis dafür gewinnen, dass die Eucharistiefeier das Zentrum unseres christlichen Glaubens ist. An den katholischen Schulen sind junge Christen, die ihren Glauben praktizieren, nicht wie in vielen Gemeinden Außenseiter, sondern sie stehen in einer Glaubensgemeinschaft, die sie stärken kann.
Im Miteinander von Lehrern und Schülern, von Schülern mit ihren Mitschülern sollen die Schüler an unseren Schulen erfahren, wie Christen miteinander umgehen. Dies erfordert von den Lehrern einen hohen persönlichen Einsatz. Sie müssen sich ihrer Vorbildfunktion für die Schüler bewusst sein. Das Schulleben sollte aber auch so gestaltet sein, dass Schüler sich für andere einsetzen müssen. Dies kann dadurch geschehen, dass leistungsstarke Schüler leistungsschwächeren Schülern Förderunterricht erteilen, dies kann durch Patenschaften älterer Schüler für jüngere Schüler erreicht werden. Ebenso kann ein Sozialpraktikum, in dem junge Menschen im Kontakt mit solchen Menschen treten und für sie tätig werden, die sonst nicht ihren Erfahrungsbereich tangieren, zu einer größeren Verantwortungsbereitschaft junger Menschen führen. Über solche Zielsetzungen müssen Lehrer, Eltern und Schüler stets im Gespräch bleiben.
Ich fasse zusammen:
Wir brauchen beherzte katholische Schulen - im doppelten Sinne des Wortes - nicht halbherzige katholische Schulen. Beherzte katholische Schulen könnten zum Stachel im Fleisch unserer Gesellschaft werden. |