ERZBISTUM KÖLN  MATERIALORDNER  ZENTRALE INFORMATIONEN     

Fotoausstellung in der Stadtbibliothek Neuss
150 Jahre Marienberg 
Fotoausstellung in der Stadtbibliothek Neuss  150 Jahre MarienbergO. GruschkaFotoausstellung in der Stadtbibliothek Neuss 150 Jahre Marienberg
 

Marienberg in der Silberschicht

Ausstellung historischer Fotografien zu Marienberg  in der Stadtbibilothek

 
Fotos liefern Beweismaterial. Etwas wovon man gehört hat und woran man noch zweifelt, scheint bestätigt, wenn man hiervon eine Fotografie gesehen hat. In der Neusser Stadtbibliothek  werden Fotografien als Zeitzeugen präsentiert, deren Präsenz die Besucher in den Gedankenaustausch über vergangene Zeiten leitet. Die Vielfalt fotografischer Vergangenheitsfragmente erstellt eine bewusstseinsgeschichtliche Grundierung, auf deren Basis sich Gespräche ehemaliger und derzeitiger Schülerinnen erheben werden. Die Fotografie verkürzt als Fernglas Distanzen, während sie auch vertraute Bilder distanziert.  Die Reproduktionen der alten Fotografien zeugen von einem anderen Umgang mit der Wirklichkeit.   Während Lichtbilder im 21.Jahrhundert Bestandteil einer bürokratischen Katalogisierung von Welt sind, die geschätzt werden, weil sie Informationen vermitteln, markieren die gezeigten Reproduktionen und Originale hingegen ihren einst spielerisch, symbolischen Wert. Man fand sich zu einem Foto zusammen. Man erkennt auf den Fotografien, dass sie zelebriert wurden. Nicht nur technisch durch längere Belichtungszeiten bedingt, transzendieren sie Wirklichkeit und sind weniger Bestandteil einer Wirklichkeit oder erheben sich gar mit medialer Gewalt um Wirklichkeit zu sein.
 
Gerahmt wurden Ausstellung und die Ausführungen des Schulleiters Josef Burdich durch musikalische Höhepunkte.
 
Ludwig van Beethoven          Allegro con brio  (aus dem Klaviertrio op. 1 Nr. 3)
Claude Debussy                  Andante espressivo  (aus dem Klaviertrio D-Dur)

Ausführende Schülerinnen:                    
Corinna Hentschel , Violine  -  Avid Butting, Violoncello  -  Anna Lauer (a. G.), Klavier
(Die jungen Musiker haben am vergangenen Wochenende auf Regionalebene bei "Jugend musiziert" einen 1. Preis gewonnen und nehmen im März am Landeswettbewerb teil.)
 
verantwortlich für den musikalischen Teil:  Dr. Karl Kühling
 Ausstellung:  Jan Eschbach , Olaf Gruschka und Thomas Monz
Begrüßung: Leiter der Stadtbibliothek Dr. Müller-Jerina
Referent: Schullleiter Josef Burdich
 
Gesamtorganisation: Olaf Gruschka in Zusammenarbeit mit der Neusser Stadtbibliothek

Gruschka.fotoO.Gruschka

Begrüßung Marienberg 23. Januar 2007, 19.00 Uhr
 
Sehr geehrte Damen und Herren,
 
ich begrüße Sie sehr herzlich in der Stadtbibliothek. Mein Name ist Müller-Jerina und ich bin der Leiter dieser Einrichtung.
Herzlichen Glückwunsch zu diesem besonderen Jubiläum! Eine Schule, die durch bewegte Jahrzehnte Bestand und Erfolg hat und eindrucksvolle Arbeit für Neusser Mädchen und junge Frauen leistet, verdient unsere Würdigung.
 
Ich freue mich, nicht nur Eltern, Schülerinnen und Ehemalige dieser Schule begrüßen zu dürfen, sondern vor allem auch die Lehrer! Denn, wenn Sie mir diese Bemerkung gestatten, Ihre Schülerinnen kennen wir schon recht gut! Dienstags bis freitags um 14.17 Uhr geht die Tür auf und frisch der Schule für den Tag entronnen, kommen sie zu uns - zum Entspannen, Hausaufgaben und Gruppenarbeiten erledigen und um zu lesen.
 
Dass für die Auftaktveranstaltung der Feierlichkeiten, die sich über das ganze Jahr erstrecken werden, die Stadtbibliothek ausgesucht worden ist, betont die enge Zusammenarbeit zwischen beiden Häusern. Dass es seit 150 Jahren eine Schule für Höhere Mädchenbildung gibt, spricht für die Bedeutung, die schulische Bildung im 19. Jahrhundert erlangt hat. Die ersten fünfzig Jahre des Bestehens gab eine Bibliothek zur Unterstützung dies Ziels noch nicht. Doch immerhin seit 1oo Jahren, seit Dezember 1907, ist eine Bibliothek für die außerschulische Bildung in Neuss zuständig. Wir werden unser Jubiläum später im Jahr feiern.
 
Die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Schulen und Bibliotheken ist erneut im letzten Jahrzehnt (im Nach-Pisa-Schock) erkannt worden. Damit ist auch schon ein wichtiger Punkt der vielfältigen Beziehungen zwischen Ihnen und uns beschrieben:
·         Wir sind ein Treffpunkt
·         Wir ergänzen das schulische Angebot durch aktuelle Fachbücher
·         Wir geben Tipps für die Freizeit
 
Unser wichtigstes Anliegen, informations- und Medienpädagogische Kompetenz zu vermitteln, bieten wir durch individuelle Führungen und sachkundige Beratung bei Facharbeiten an. Unsere Auswahl an aktuellen Filmen, Büchern, Comics und Musik-CDs unterstützen die Freizeitgestaltung von Lehrern und Schülerinnen.
 
In der Vergangenheit haben Stadtbibliothek und Schule Marienberg bereits schöne Projekte gemeinsam geschaffen. Ich möchte nur zwei hervorheben:
 
Als Kooperationspartner im erfolgreichen Bertelsmann-Projekt „Schule und Bibliothek“, dass von 2002 bis 2004 stattfand, standen Lesenächte, Führungen und Lesungen und die Einrichtung eines SchülerCenters auf dem Programm.
 
Bei der Kulturnacht 2004 „Eine Nacht in Venedig“ haben einige Kunstklassen Commedia del’Arte Figuren für die Dekoration des Hauses entworfen und gemalt und unsere Theke in eine von Gondeln befahrene Wasserstrasse verwandelt.
 
Bevor nun der Schulleiter Herr Burdich zu Ihnen spricht, darf ich Sie bitten, bei Ihrem Rundgang durch die Ausstellung das erste Obergeschoss nicht auszusparen. Innerhalb der Sachgruppe „Neuss und das Rheinland“ hängen 14, 70 x 100 cm großen „Bilder von Marienberg“, die von Schülerinnen der Jahrgangsstufe 10 unter Anleitung ihres Lehrers Herrn Gruschka, der auch für die Konzeption der Ausstellung verantwortlich ist, nach einer Fotocollage in Graustufen gemalt worden sind. Mit Bedacht ist diese Position im ersten Stock, mit Blick hinüber nach Marienberg gewählt worden. Die Gesamtansicht erschließt sich dem Betrachter nur, wenn er von der anderen Strassenseite auf die Bibliothek schaut.
 
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend in der Stadtbibliothek und schöne Feiern in Ihrem Jubiläumsjahr.

Gruschka.foto5O.Gruschka

Sehr geehrte Gäste,
 
ich danke zunächst der Leitung der Stadtbibliothek dafür, dass wir als Schule Marienberg in ihren Räumen anlässlich unseres 150jährigen Jubiläums eine Fotoausstellung präsentieren können. Die Einladung, diese Ausstellung mit einem Vortrag zu eröffnen, nehme ich gerne an; auch dafür herzlichen Dank.
 
Wer sich alte Darstellungen der Stadt Neuss ansieht, dem fällt neben dem dominierenden Quirinusmünster, dem Neusser Wahrzeichen, auch ein kleiner Sakralbau an der Hafenmauer auf, zu erkennen an seinem markanten Dachreiter. Es ist die Kapelle des schon 1439 belegten Mons Mariae, eines Klosters der Augustinerchorfrauen. Bis heute bildet dieser Bau das Herz unserer Schule, deren Geschichte wir uns nun zuwenden wollen.
 
Heute ist Marienberg eine große, moderne und vielseitige Schule in erzbischöflicher Trägerschaft. Die Anfänge vor 150 Jahren ließen dies wohl noch nicht ahnen; Marienberg stellte indessen immer schon eine Ausnahmeerscheinung dar. Damals genügte dem Gros der Bevölkerung eine rudimentäre Elementarbildung. Obwohl bereits 1717 die allgemeine Schulpflicht in Preußen eingeführt worden war, blieb der Analphabetismus eine verbreitete Tatsache. Die technische und kulturelle Entwicklung im Zeitalter der Industrialisierung machte auf vielen Gebieten rasante Fortschritte, aber Bildung blieb ein Privileg für einen kleinen Kreis der Oberschicht, und dabei wurde der männliche Teil der Bevölkerung klar bevorzugt. So gab es auch in Neuss zwar eine ansehnliche Tradition „höherer Knabenbildung“ – Karl Tücking hat die Entwicklung von der Jesuitenschule zum königlichen Gymnasium Ende des 19. Jhs. nachgezeichnet, das den Vorläufer des heutigen Quirinusgymnasiums darstellt -, doch für Mädchen waren die Bildungschancen gering und beschränkten sich auf elitären Privatunterricht für Töchter adeliger oder großbürgerlicher Familien. Wie Tücking in seiner Stadtgeschichte erwähnt, wurde im 17. und 18. Jahrhundert Unterricht für Mädchen über das Elementare hinaus bei den Sepulchrinerinnen, einem Kloster in der Hymgasse, bis zur Auflösung in der Säkularisation 1802 erteilt. Es handelte sich aber immer nur um etwa 15 bis 20 junge Damen finanziell besser gestellter Familien, die in verschiedenen Näharbeiten und in Haushaltsführung unterrichtet wurden. Wenn auch Französischunterricht erteilt wurde, dann entsprach dies der damaligen Mode; nicht zu vergessen ist, dass Neuss wie das gesamte linksrheinische Rheinland ab 1795 bis 1814 zu Frankreich gehörte; Französisch war also Amtssprache. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts übertrugen einige führende Neusser Familien Höhere Mädchenbildung an Privatinitiativen einiger Damen, die nacheinander das geschäftliche Risiko eingingen, mit ein bis zwei weiblichen Hilfskräften jeweils für einige Jahre eine sehr überschaubare Zahl von jungen Neusserinnen und ebenso vielen Pensionistinnen, zusammen wohl nie mehr als 20 bis 30 Elevinnen, zu unterweisen. Über die Qualität der Ausbildung kann keine Aussage gemacht werden. Jedenfalls genügte den führenden Neusser Familien dieses Angebot, sollte doch die höhere Töchterschule gewährleisten, dass die Ehefrauen zukünftiger Gutsherren, Fabrikanten, Großhändler und Akademiker für ein niveauvolles Heim sorgen konnten. Es spricht für den Geschäftssinn der Neusser, dass sie sich in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend um den Erhalt bzw. um die Sicherstellung einer höheren Mädchenbildung sorgten; denn die Alternative war nur, die Töchter als Pensionistinnen an bereits etablierte höhere Mädchenschulen in der näheren Umgebung, z.B. ausgerechnet in Düsseldorf, zu schicken, eine kostenaufwändigere und unbequeme Lösung. Deshalb unterstützte der Rat der Stadt Neuss den Schulbetrieb eines Fräulein Abel mit jährlich 150 Talern. Innerhalb der Summe, die seitens der Stadt Neuss für Bildung und Erziehung aufgebracht werden musste – also für das erwähnte Knabengymnasium, die Elementarschule, die Bewahranstalt und die Waisenversorgung -, stellte dieser Betrag einen Anteil von 5% dar.
 
Zu der Aufbruchsstimmung der Zeit passt das Bestreben des Neusser Rates, in einer höheren Töchterschule auch Mädchen Zugang zu schulischer Bildung zu bieten. Bereits 1855 hatten Neusser Bürger weltlichen und geistlichen Standes im Kallenhaus an der Ecke Münsterstraße/Münsterplatz, ehemals mit grüner Fassade, nach der Renovierung steinsichtig, ein Waisenhaus eröffnet. Ein Umzug dieser Einrichtung an den Glockhammer erfolgte 1857. Mit gleichem Elan hoffte man auch die eben gegründete Töchterschule zu führen; dazu beschloss der Neusser Rat, die Mädchenbildung in die erfahrenen Hände von Frauenorden zu legen: Kontakte zu den Ursulinen in Ahrweiler oder zu den Englischen Fräulein sind belegt.
1844 hatte in Aachen die Fabrikantentochter Clara Fey den Orden der Schwestern vom armen Kinde Jesus gegründet, dessen Ziele neben der Versorgung und elementaren Ausbildung von Waisenkindern die Ausbildung und Berufsvorbereitung von verwahrlosten Mädchen, die Übernahme von Mädchenelementarschulen und sog. Verwahr- und Nähschulen waren. Nachdem der Neusser Rat das Waisenhaus den Schwestern übergeben hatte, gelang es offenbar, die Schwestern aus Aachen auch zur Übernahme der höheren Mädchenschule in Neuss zu überreden. Ein konkretes Datum für die Eröffnung der Schule durch die Schwestern lässt sich gemäß der öffentlichen Bekanntmachung der städtischen „Schul-Commission“ vom 17. April 1857 benennen: Dort wird nämlich verkündet, dass der Unterricht am 22. April 1857 im Haus Kranenstraße D 203, „dem Lokale des Waisenhauses“, also im Gelände des Klosters Marienberg beginnen werde.
 
Zwei Aspekte dürften das Unterfangen, das den ursprünglichen Zielen des jungen Ordens nicht direkt entsprach, befördert haben: Wie Schwester Maria Caritas Kreuzer 1982 nachgewiesen hat, wurde den Schwestern vom armen Kinde Jesus sicherlich in Aussicht gestellt, dass Absolventinnen der höheren Töchterschule unter der Ägide der Clara-Fey-Schwestern zu künftigen Lehrerinnen, vielleicht sogar zu Mitgliedern des Ordens avancieren würden. Neben diesem Aspekt der Lehrerinnenausbildung spielte sicherlich auch m.E. die Tatsache eine Rolle, dass die letzte weltliche Lehrerin vor Übernahme durch die Aachener Schwestern, ein Fräulein Giesen, der Kongregation der Schwestern vom armen Kinde Jesus beitrat. Nach einer kurzen provisorischen Leitung durch Schwester Angelica, mit bürgerlichem Namen Catharina Troplong, übernahm Fräulein Giesen als Schwester Quirina im Alter von nur 21 Jahren die Schule und baute die bei Übernahme durch den Orden einklassige Schule zu einem System von sechs aufeinander folgenden Klassen aus. Schwester Quirina leitete Marienberg 20 Jahre lang bis zum Kulturkampf 1877, der zur Auflösung der Schule führte.
 
Hier stellt sich natürlich die Frage, warum erst 1877 die Auflösung der höheren Töchterschule in konfessioneller Trägerschaft betrieben wurde, obwohl bereits Ende des Jahres 1874 die entsprechende preußische Gesetzesgrundlage vorgelegen hatte, derzufolge für Ostern 1875 die Auflösung verfügt wurde. Was hatte zu dem Aufschub geführt?
Es sind hier heute viele junge Leute anwesend, denen vielleicht die Zusammenhänge um den Kulturkampf nicht klar sind. Der Begriff Kulturkampf umschreibt den Konflikt des preußischen Staates mit der katholischen Kirche im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts um deren Einfluss auf Staat und Gesellschaft. Konkret geht es um die Anstellung von Geistlichen als Beamte z.B. als Lehrer und Erzieher in einem weitgehend protestantisch dominierten preußischen Staat, der vom Rheinland bis nach Ostpreußen reichte. Schulen waren damals noch weitgehend in kirchlicher, also katholischer oder evangelischer Hand, im Rheinland in den ehemaligen Gebieten der Kurfürstentümer Köln und Trier naturgemäß katholisch. Die katholische Geistlichkeit fühlte sich in ihrem erzieherischen Auftrag natürlich eher Rom bzw. Köln gegenüber weisungsgebunden als gegenüber Berlin. Zahlreiche Beschwerden und die massive Einflussnahme von katholischen Geistlichen u.a. mittels der Predigt in der Messe beantwortete Bismarck 1871 mit dem Kanzelparagraphen: Offiziell bedeutete politische Parteinahme im Gottesdienst Missbrauch des geistlichen Amtes und wurde mit Gefängnis bestraft. In den sog. Maigesetzen 1874 wurden staatliche Vorschriften für die Ausbildung von Geistlichen und die kirchliche Disziplinargewalt geregelt. Einschneidend war die gesetzliche Anordnung des Vorrangs der Zivilehe vor einer kirchlichen Trauung, wie sie in Deutschland bis heute besteht. Diese Kulturkampfgesetze verschärften im Rheinland bei der damals überwiegend katholischen Bevölkerung die antipreußische Stimmung im Allgemeinen.
Wir dürfen nun nicht meinen, dass die politische Meinung im Neusser Rat damals generell antipreußisch gewesen wäre. Namhafte und einflussreiche Mitglieder führender Neusser Familien unterstützten in liberaler Gesinnung generell die Grundlinien der Bismarckschen Politik, brachte sie doch nacheinander mit Zollverein, Norddeutschem Bund und der Reichsgründung 1870/71 wirtschaftlichen Aufschwung. Gegner der Bismarckschen Politik waren natürlich eingefleischte Zentrumspolitiker. Der finanzielle Aspekt brachte einige der Honoratioren ins Schwanken: Einerseits unterstützten sie Bismarcks liberalen Kurs und damit auch die Kulturkampfpolitik. Aber diese sollte keine Auswirkungen auf ihr persönliches Umfeld haben. Die Auflösung von Marienberg bedeutete ja wohl auch, dass zusätzliche Aufwendungen von privater Seite erforderlich waren, wenn es vor Ort an einer Bildungsstätte für die eigenen Töchter mangelte. Deshalb sollte ein Sonderweg eingeschlagen werden in Form einer Eingabe an den preußischen Minister der Geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten, die allerdings nicht von allen Stadtverordneten unterschrieben wurde. In dieser Petition bat man um einstweiliges Fortbestehen der Schule Marienberg in der damaligen Organisation unter der Ägide der Schwestern.
Gerade für dieses Jahr 1874 liegen konkrete statistische Angaben vor. Die Gesamtzahl umfasste 206 Schülerinnen, zum Vergleich: heute umfasst bereits unsere Sexta 190 Schülerinnen. Von den 206 Schülerinnen damals kamen 31 von auswärts, also nicht aus dem Stadtgebiet von Neuss. Gnadental, Reuschenberg, Weißenberg als Wohngebiete gab es damals noch nicht, die Ortschaften südlich, westlich und nördlich dieser eben von mir angedeuteten Peripherie waren natürlich noch selbstständig und zählten nicht zum Stadtgebiet. Die oberste Klasse umfasste 22 Schülerinnen, heute umfasst die Oberprima 169. Um die damals politisch nicht unerheblichen konfessionellen Verhältnisse in den Blick zu nehmen: von den 206 Schülerinnen 1874 waren 177 katholisch waren; vor den 11 evangelischen Mädchen rangierten zahlenmäßig noch die 18 jüdischen Mitschülerinnen, die die Schule Marienberg besuchten.
 
Erst am 14. Mai 1875 wurde der Eingabe des Neusser Rates bezüglich eines Aufschubs entsprochen; das ist sehr spät, da die Auflösung der Schule zu Ostern 1875 hätte erfolgen sollen. Allerdings durften die Schwestern keinen Elementarunterricht mehr erteilen. Darauf beschloss der Schulvorstand der Stadt Neuss, anstelle der beiden aufzulösenden Vorbereitungsklassen eine zweistufige Zahlschule einzurichten. Die privat aufzubringenden Gelder für diese Zahlschule waren relativ hoch; aus Prestigegründen wurden sie aber dennoch willig erbracht, um zu verhindern, dass Kinder der mittleren und höheren Schichten mit ärmeren Kindern in der kostenlosen Elementarschule gemeinsam unterrichtet wurden.
 
Endgültig jedoch ließ sich die Auflösung der Schule nicht verhindern. Zwar erreichte die Stadt, dass die Schwestern bis 1. April 1877 unterrichten durften, doch mit der Genehmigung zur Errichtung einer privaten höheren Töchterschule in weltlicher Hand, die im Dezember 1876 erteilt wurde, fügte sich Neuss nun doch in die Unabänderlichkeit. Demzufolge wurde im Januar 1877 als zukünftige Leiterin ein Fräulein Elisabeth von Borell aus Köln vertraglich verpflichtet. Zusammen mit ihrer Schwester eröffnete sie im April 1877 die vierklassige private Töchterschule unter Wegfall der bisherigen beiden Zahlklassen. Dazu hatte die Stadt die innerhalb des Waisenhauses am Glockhammer bereits bisher als Marienbergschule genutzten Räume angemietet. Bemerkenswert ist der Rückgang der Zahl der Schülerinnen auf nur 80 (wir erinnern uns: zwei Jahre zuvor waren es noch um die 200 gewesen!). Man ist geneigt, dies als Zeichen des Widerstandes der Neusser Bürger gegen die kirchenfeindliche Schulpolitik im Kulturkampf zu werten.
 
Im Jahr 1888 konnten die Schwestern vom armen Kinde Jesus die Schule wieder übernehmen, da zahlreiche Bestimmungen aus den Jahren des Kulturkampfes aufgehoben worden waren. Übrigens hatte der Orden im Zuge der Kulturkampfgesetze seinen Sitz in Aachen aufgeben müssen und nur um wenige Kilometer in die benachbarten Niederlande nach Simpelveld verlegt, wo sich noch heute das Generalat der Schwestern vom armen Kinde Jesus befindet.
Die neue Leiterin der Schule Marienberg ab 1888 war Schwester Johanna Matha aus der bekannten Neusser Familie Frings, eine Tante des nachmaligen Kölner Kardinals, die die Schule bis 1909 führte. Bei ihrem Amtsantritt betrug die Schülerinnenzahl 97. Alsbald stieg die Zahl. 1899 wurde erstmals wieder die Zahl von 200 Schülerinnen überschritten.
 
Für die folgenden Jahre des beginnenden 20. Jahrhunderts sind Bautätigkeiten im Schulgelände bezeugt. So wurde an der Stadtmauer zur Batteriestraße hin eine Turnhalle errichtet, von der es allerdings heute keinerlei Spuren gibt. An der Rheinstraße sollen einige alte verkommene Häuser abgerissen worden sein zugunsten eines Anbaus, des sog. späteren Mittelbaus. Bis dahin hatte die Schule mit Kloster und Klosterkirche einen l-förmigen Komplex eingenommen. Die nächsten Jahre erforderten Ausbauten, die einen e-förmigen Grundriss ergaben mit der Hauptachse zur Rheinstraße, d.h., der Haupteingang war der jetzige Aulaeingang. Der heutige Altbau, D-Trakt genannt, mit Aula, Berufskolleg und Oberstufenräumen des Gymnasiums, erhielt zwischen 1920 und 1912 noch einen Trakt zur Rheinstraße und einen Flügel parallel zum heutigen D-Trakt. Die Dimensionen waren so, wie die Fotos und Pläne belegen, dass der neue Hof erheblich größer war als der heutige Atriumshof vor den Kunsträumen. Prunkstück des neuen neobarocken Gebäudes war die Turnhalle, die heutige Aula.
Diese Räumlichkeit kann neben der historischen Kapelle Marienberg als geschichtsträchtigster Gebäudeteil der Schule Marienberg bezeichnet werden. Denn nach der Zerstörung der Kapelle Marienberg durch Bomben zum Jahreswechsel 1944/45 wurde in der Turnhalle eine Kapelle eingerichtet. Ein Foto in der Ausstellung belegt dies. Nach der Neueinweihung der Kapelle im Jahr 1954 diente der Raum dem Sportunterricht bis zum Jahr 1976, als der Nordtrakt und der Westtrakt, der sog. Mitteltrakt zur Rheinstraße hin (also Musik- und Kunstbereich zur Rheinstraße heute), niedergelegt wurden. Es wurde in die Turnhalle auf halber Höhe eine Zwischendecke eingezogen und auf zwei Stockwerken wurden sechs Behelfsklassen eingerichtet. Nach der Inbetriebnahme der neuen Gebäudeteile 1978 wurde in der ehemaligen Turnhalle, die ja auch schon als Kapelle gedient hatte, die Aula mit einer Guckkastenbühne eingerichtet, wobei ein Teil der Zwischendecke als Empore bis heute belassen wurde.
 
In der Leitung der Schule hatte 1909 Schwester Thoma Angelica Walter die verdiente Schulleiterin Schwester Johanna Matha abgelöst. Mit der Neubesetzung einher ging die staatliche Anerkennung: das heißt, dass Marienberg als ein Lyzeum nicht mehr dem Schulinspektor des Kreises, sondern der Schulbehörde der Bezirksregierung unterstand; damals hieß dieses Schulkollegium und hatte wie die gesamte preußische Rheinprovinz ihren Verwaltungssitz in Koblenz. Bedingungen für diese Anerkennung war, dass mindestens die Hälfte des Lehrpersonals eine akademische, also eine Universitäts-Ausbildung haben musste, während vorher ja eine seminaristische Ausbildung in einer Lehrerinnenbildungsanstalt genügt hatte; eine weitere Bedingung lautete, dass mindestens ein Drittel männlichen Geschlechts sein musste; übrigens eine Auflage, der wir heute im Zeitalter der Frauenförderung an Marienberg so eben entsprechen! Mit anderen Worten: die staatliche Anerkennung bedeutete personell einen erheblichen Einschnitt. Eine kluge Beobachtung verdanke ich in diesem Zusammenhang Schwester Maria Caritas: Aus der fast gleichzeitig mit der staatlichen Anerkennung einsetzenden Bautätigkeit des Kuratoriums kann geschlossen werden, dass nun auch refinanzierbare Gelder aus Koblenz flossen.
 
Die neuen Gebäude gaben nun der Rheinstraße ein ganz anderes Gepräge. Sie wurden am letzten Tag der Weihnachtsferien 1912 feierlich eingeweiht. Ein Jahr zuvor hatte es eine weitere Einweihung gegeben, als die Kapelle Marienberg den Schwestern übergeben wurde. Bereits unter Napoleon war die damals nach Auflösung durch die Säkularisation leer stehende Kirche der angewachsenen evangelischen Gemeinde zur Verfügung gestellt worden. 1906 hatte nun die expandierende Gemeinde ihre eigene Christuskirche an der Breite Straße neu errichtet. Durch Spendenaktionen ehemaliger Schülerinnen eingeleitet, waren Verhandlungen für den Rückkauf geführt worden, bis dann 1911 die Kapelle Marienberg wieder eine Einheit mit dem Kloster bilden konnte.
 
Den nächsten Schritt auf dem Wege einer zukunftsverheißenden Schulentwicklung bedeutete die bereits im folgenden Jahr, nämlich 1912, ministeriell genehmigte Angliederung einer sog. realgymnasialen Studienanstalt, d.h., jetzt erhielt Marienberg eine gymnasiale Oberstufe, die Voraussetzung für ein Universitätsstudium war und ist. Im Jahre 1918 wurden die ersten Abiturientinnen an Marienberg, 12 an der Zahl, mit dem Zeugnis der Reife entlassen. Die Prüfungen wurden allerdings extern abgehalten.
 
Die Schwestern und das Kuratorium strebten eine vielseitige Ausrichtung der Schule Marienberg an, die möglichst vielen Begabungsprofilen gerecht werden sollte; dies wird auch durch die Einrichtung eines berufsvorbereitenden Handelskurses im Jahre 1913, also noch vor dem 1. Weltkrieg, dokumentiert. 37 Mädchen nahmen nach Entlassung aus dem Lyzeum im ersten Jahr an diesem Angebot teil; 1927 wurde diesem Zweig unter der Leitung von Schwester Gertraud die staatliche Genehmigung als zweijährige Höhere Handelsschule erteilt, wie sie heute noch unter verändertem Namen, anderen Curricula und Prüfungsordnungen und in neuer Organisationsform besteht.
 
Der 1. Weltkrieg bedeutete für Marienberg eine harte Zeit: Kohlemangel, Grippeepidemien, Einquartierungen von deutschen Soldaten auf dem Rückzug 1918 und 1919 die Besetzung von Teilen der Schule durch 460 belgische Soldaten beeinträchtigten den Schulbetrieb erheblich. Eine Normalisierung zeichnete sich erst in den Zwanzigerjahren ab. Jedoch ging infolge der wirtschaftlichen Rezession infolge der Weltwirtschaftskrise die Zahl der Schülerinnen zurück. 1933, im Jahr der Machtergreifung Hitlers, betrug sie 559.
 
1933 bedeutet auch einen Wechsel in der Leitung: 24 Jahre hatte Schwester Thoma Angelica die Schule geführt, es hatte bauliche Veränderungen gegeben, im Bildungswesen hatte sich die Schule mit deutlichem Profil weiterentwickelt. Bitte betrachten Sie in der Fotoausstellung das Bild dieser bedeutenden Persönlichkeit, die wegen ihrer Führungskompetenzen in den Führungsstab ihres Ordens nach Simpelveld berufen wurde.
Als neue Direktorin kam Schwester Mariana Gölden, die die Schule zunächst bis zur Auflösung der konfessionellen Einrichtung 1940 leitete und nach der Befreiung durch die Amerikaner noch bis 1948 der Schule vorstand. In der schweren Zeit, die ihr aufgebürdet wurde, zeigte sie sich nicht als Kämpferin; Kämpfer waren damals in Neuss eindeutig männliche Personen des geistlichen Standes wie z.B. Oberpfarrer Liedmann. Frau Braekeler als Zeitzeugin versucht Schwester Mariana in einem Beitrag zum 120jährigen Bestehen der Schule einigermaßen gerecht zu werden, indem sie ihr bescheinigte, dass „ihre Taktik einer sanften und geduldigen Festigkeit offene politische Zusammenstöße verhütete“. Die Konferenzprotokolle aus der damaligen Zeit sind mit großer Sorgfalt, so meine ich, verfasst; sie vermeiden eindeutige politische Stellungnahmen; aber man kann aus dem Nichtgesagten zwischen den Zeilen lesen. So wird z. B. ohne Kommentar in einem Protokoll lapidar vermerkt, dass das Ziel der Erziehung „die Herausbildung des absolut zuverlässigen Staatsbürgers nationalsozialistischer Prägung“ sei, ein krasser Widerspruch gegenüber den bis vor kurzen noch apostrophierten und natürlich auch immer noch gelebten christlichen Werten! Die Schülerinnen bekommen letztlich die Marschrichtung der neuen Machthaber in Deutschland zu spüren. Die ideologische Festlegung der Frauenrolle hat nämlich eine unausgesprochene, aber dafür umso drastischer erfahrbare Folge: Da man offensichtlich das Studium von Frauen beschränken will, wird 1934 von 20 Abiturientinnen nur zweien die Hochschulreife zuerkannt. Die anderen 18 hatten keineswegs nicht bestanden. Das sprach sich herum: die Zahl der Schülerinnen, die sich dann noch in den folgenden Jahren einer Abiturprüfung zu stellen wagten, sank rapide (1938 waren es nur noch sechs).
 
Wir nähern uns nun dem einschneidenden Ereignis in der Geschichte Marienbergs, nämlich der Vertreibung der Schwestern aus der Schule. Seit 1937 drängte die vorgesetzte Behörde auf Übernahme der Schule durch die Stadt Neuss, also noch vor der allgemeinen Umwandlung der konfessionellen Volksschulen in Gemeinschaftsschulen. Diesem traurigem Kapitel der Verfolgung der konfessionellen Bildungseinrichtungen in Neuss hat sowohl Hildegard Welfen in ihrem 1993 erschienen Buch „Geschichte der Stadt Neuss unter nationalsozialistischer Herrschaft (1933-1945)“ als auch der umstrittene Autor Manfred Müller in „Neuss unterm Hakenkreuz“ von 1988 entsprechenden Raum gegeben. Das Ratsprotokoll vom 21.12.1939 vermerkt, dass bis spätestens Ostern 1940 das Lyzeum – wie alle von kirchlichen Schulträgern unterhaltenen Privatschulen – spätestens bis Ostern 1940 entweder von der Gemeinde übernommen oder aber aufgelöst werden musste.
 
Ergreifend nimmt sich die Kanzelverkündigung der Neusser Geistlichkeit an, die deutlich die Handschrift Dechant Liedmanns trägt: „Wir sind stolz darauf, dass die von Ihnen geleitete Schule nicht nur die volle Anerkennung der Eltern, sondern auch bis in die letzte Zeit hinein sogar das höchste Lob der Aufsichtsbehörden gefunden hat.“ Am 31. März ziehen die Schwestern durch die verwaisten Schulräumlichkeiten und nehmen die Kreuze und christlichen Bilder ab. Ab 1. April ist Marienberg Städtische Oberrealschule für Mädchen, der größte Teil des Kollegiums bleibt.
Die Schwestern, die im Kloster Marienberg und im 3. Stock des heutigen Altbaus noch Wohnrecht hatten, waren in Neuss nach wie vor präsent und wirkten natürlich im privaten Bereich durch ihre zahlreichen Kontakte in die Familien ihrer ehemaligen Schülerinnen hinein. Die praktizierte christliche Gesinnung der Marienbergerinnen lässt sich auch dadurch dokumentieren, dass jüdische Schülerinnen an dieser Schule unterrichtet wurden oder Aufnahme gefunden haben, als es an öffentlichen Schulen bereits nicht mehr möglich war. Und als auch die Rassengesetze für Marienberg durchgesetzt werden mussten, fanden sich vorübergehend noch Möglichkeiten, den ehemaligen Schülerinnen jüdischen Glaubens privat mit Unterricht beizustehen. Wir sollten hier u.a. unserer Kollegin Frau Glauke gedenken, die damals als ganz junge Lehrerin mutig Zeugnis für Menschlichkeit und Zivilcourage ablegte.
 
Was ist über die Kriegsjahre zu sagen? 420 Schülerinnen in 15 Klassen besuchen die nunmehr städtische Schule. Im September 1942 brennen die Internatsräume im 3. Stockwerk durch Bombentreffer aus, im Oktober 1944 trifft es die naturwissenschaftlichen Räume, Silvester 1944 wird die Kapelle völlig zerstört. Gottlob gab es keine Opfer zu beklagen, denn die Schwestern waren durch Privatinitiative längst evakuiert worden. Wieder einmal musste die Schule, durch die Zerstörungen in der Nutzung sichtlich schon beeinträchtigt, zusammenrücken, da russische Kriegsgefangene in Teilen der Räumlichkeiten mit Bewachung untergebracht wurden.
 
Im März 1945 marschierten die Amerikaner in Neuss ein. Die befreiten Zwangsarbeiter plündern und zerstörten bei ihrem Abzug aus der Schule das Inventar. Ihre Wut kann man nachvollziehen, aber trotzdem eine sinnlose Zerstörungstat.
Sofort nach Einrichtung der neuen Verwaltung übernehmen die Schwestern wieder die Schule unter Leitung von Schwester Mariana und nehmen in den zerstörten Räumlichkeiten den Unterricht wieder auf, wobei aber zunächst die Frauenoberschule nicht weitergeführt wurde, da wegen der Bombenzerstörungen die Räume fehlten. Als Kapelle diente bis 1954, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, die Turnhalle (heutige Aula). Alte Neusser wissen zu berichten, dass in dieser Phase auch kurzzeitig Knaben an Marienberg unterrichtet wurden, allerdings getrennt von den Mädchen mit ihren eigenen Lehrern, da deren Schulen zerstört waren.
 
1949 wird Schwester Maria Alexia Schnaas Direktorin. Sie leitete die Schule bis 1966. In ihre Zeit fallen die Wiederaufbauarbeiten und 1957 die Hundertjahrfeier. Durch die Nähe zur Zeit des Krieges nehmen sich die Feierlichkeiten eher bescheiden aus. Damals besuchten 950 Schülerinnen die Schule, die Mehrzahl Neusserinnen. Für bildungsinteressierte Mädchen war Marienberg zu dieser Zeit wie hundert Jahre zuvor die einzige Möglichkeit der höheren Schule. Nebeneinander gibt es an der Schule Marienberg eine gymnasiale Abteilung, eine Frauenoberschule und eine separat geführte zweijährige Handelsschule.
 
Der Nachfolgerin von Schwester Maria Alexia waren nur wenige Jahre an Marienberg beschieden; aus gesundheitlichen Gründen trat Schwester Clara Ignatia nach kaum vier Jahren zurück. Deren Nachfolgerin hingegen, Schwester Clara Angela Kempen, wurde wegen ihrer Fähigkeiten bereits nach einem Jahr der Schulleitung zur Generaloberin des Ordens nach Simpelveld gewählt.
Dafür hatte Schwester Maria Lioba Otten, aus Neuss gebürtig, von 1972 bis 1990 eine außerordentlich lange und erfolgreiche Zeit der Leitung. In ihre Zeit fallen die schulischen Veränderungen, von denen bis heute unsere Schullandschaft geprägt ist: die Gliederung des Gymnasiums in Sekundarstufe I und II, die Definierung und Etablierung der verschiedenen Stufen, so der Erprobungsstufe, des Differenzierungsbereiches in der Mittelstufe und vor allem des reformierten Oberstufensystems. Erstmals wurde 1977 an Marienberg das Abitur nach dem sog. KMK-Modell mit 128 Abiturientinnen durchgeführt. Die große Oberstufe garantierte damals wie heute ein breit gefächertes Angebot, sodass eine individuelle Schwerpunktsetzung begünstigt wird, allerdings im Rahmen der sich permanent bis heute verändernden Bedingungen. Besondere Verdienste bei der Einführung der gymnasialen Oberstufe hat sich Herr Studiendirektor Hombergs erworben. Er begleitete die Einführung des Computers, wobei die Datenträger zunächst Lochkarten waren.
 
In die Zeit von Schwester Maria Lioba fallen auch die Neuerungen der Mitwirkungsordnung. Marienberg hat all die Jahre über immer eine rührige Elternschaft besessen, die die Ziele der Schule unterstützte und die Erziehungsarbeit kooperativ mittrug. Dass auch eine finanzielle Unterstützung durch Eltern und Ehemalige für eine Schule von tragender Bedeutung sein würde angesichts der immensen Anforderungen im medialen Bereich und in Fragen der Außenwirkung, wurde damals frühzeitig erkannt. 1966 bereits wurde die Vereinigung Marienberg gegründet, die seitdem Jahr für Jahr durch große finanzielle Zuwendungen die Ausstattung der Schule begleitete und dafür sorgte und sorgt, dass man immer auf dem neuesten technischen Stand war und bis heute ist.
 
Die Siebziger Jahre an Marienberg sind allerdings auch eine Zeit des Bauens. Wir wissen nichts von Klagen oder Stimmen zur sicherlich ebenso intensiven Bauphase nach 1909. Aber die Niederlegung des Nordtraktes und des Traktes an der Rheinstraße bis auf die Höhe der heutigen Aula und der gleichzeitige Aufbau der einzelnen Gebäudeteile, wie sie sich uns heute in den Trakten A, B und C präsentieren, muss ein über Jahre prägendes Bild im Zentrum von Neuss gewesen sein. Dabei wurde der Unterricht trotz Beeinträchtigung von Baulärm und weiten Wegen durch Baustellenbereiche vom Altbau zu bereits errichteten neuen Teilen unverdrossen weitergeführt. Mehrfach wechselte das Lehrerzimmer, unter anderem drängte man sich einige Zeit im heutigen Informatikraum. Das 120jährige Jubiläum 1977 fällt sozusagen mit der Einweihung des Neubaus 1978 zusammen. Damals besuchten 1312 Schülerinnen die Schule. 81 Lehrekräfte gab es, davon waren 69 weiblich, 6 davon waren Schwestern. Interessant ist der Vermerk, dass von den 81 Lehrkräften 27 bereits als Schülerinnen Marienberg besucht hatten, davon drei der Schwestern.
 
Immer dann, wenn etwas gut läuft, scheint überraschend etwas Neues Bedrohliches oder Veränderliches zu kommen. Das ließ sich an der bewegten Geschichte Marienbergs bis jetzt deutlich nachweisen. Auch Anfang der 80er Jahre drohte Unheil, auch wenn es diesmal einen positiven Fortgang gab und keine Zäsur wie im Kulturkampf oder gar in der Nazizeit. Die Bedrohung diesmal war finanzieller Art, in Wirklichkeit steckten aber ideologische Tendenzen dahinter. Die Landesregierung wollte 30 Millionen DM bei der Bezuschussung der Privatschulen einsparen. Das hätte verheerende Folgen für die einzelnen Privatschulen gehabt, da die finanzielle Belastung, um den Eigenanteil nunmehr aufzubringen können, die Grenzen überschritten hätte und für manche der in NRW gerade sehr zahlreichen Privatschulen das Aus bedeutet hätte. Für Marienberg z.B. hätte das jährlich einen Mehrbetrag von 1,2 Millionen DM bedeutet, die die Schwestern hätten aufbringen müssen. Die Gefahr konnte durch Klage des Schulträgers in Aachen, vertreten durch Herrn Rechtsanwalt Dr. Hüsch, beim Verwaltungsgericht abgewendet werden. Im März 1983 erklärte der Verfassungsgerichtshof die novellierte Fassung des Ersatzschulfinanzgesetzes für verfassungswidrig. Trotzdem geriet die Schule in eine kritische Situation, da die staatliche Zuschusskürzung von 94 auf 90% zunächst im Jahre 1982 Anwendung fand. Es gab finanzielle Engpässe. Dankenswerterweise sprangen aber Stadt und Kreis Neuss ein. Diese freiwillige Leistung von Stadt Neuss und Rheinkreis Neuss für die Schule Marienberg reicht bis in unsere Gegenwart, weil man von politischer Seite die Bedeutung und die Leistung der Schule Marienberg sieht und weiterhin stützen will. Dafür sind wir sehr dankbar. Es ist uns noch in guter Erinnerung, dass vor wenigen Jahren die vormalige Landesregierung aus finanzieller Not an der Ersatzschulfinanzierungsschraube erneut drehen wollte.
 
Im Jubiläumsjahr 1982 wurde das 125jährige Bestehen festlich begangen wurde. Damals entschied man sich für eine Festwoche im Juni. Höhepunkt war sicherlich das feierliche Pontifikalamt im Quirinusmünster mit Kardinal Höffner.
Die Modernität der Schule spiegelt sich in zahlreichen außerunterrichtlichen Veranstaltungen, die durch Qualität und entsprechende Öffentlichkeitswirksamkeit auf sich aufmerksam machen. Ich erwähne die interdisziplinären Großprojekte, die u.a. von Herrn Studiendirektor Geismann, damals stellvertretender Schulleiter, initiiert worden sind: die Inszenierung von Euripides’ „Elektra“, die Aufführung der Schuloper „Die Wunderuhr“. Seitdem reißt die Folge von überdurchschnittlich guten Inszenierungen an unserer Schule nicht ab: Wie viele Kolleginnen und Kollegen haben hier hervorragende Arbeit geleistet! Stellvertretend für alle möchte ich Herrn Eschbachs Shakespeare-Company nennen.
 
Eben weil die Schule so erfolgreich wirkte, war es den Schwestern vom armen Kinde Jesus wichtig, dass diese Schule Bestand haben sollte. Aus personellen Gründen entschieden sie sich, die Schule in die Trägerschaft des Erzbistums Köln zu übergeben.
Im Sommer 1990 bereits war die letzte Leiterin aus dem Orden, Schwester Maria Lioba Otten, in den Ruhestand gegangen. Ihre Nachfolge hatte als erste „weltliche“ Direktorin Frau Dr. Schmitz-Keil angetreten. Der unermüdlichen, in ihrer Begeisterungsfähigkeit ansteckenden Tatkraft von Frau Dr. Schmitz-Keil ist es zu verdanken, dass Marienberg zu einer fünf- und dann sechszügigen Schule anwuchs. Bauliche Veränderungen, die bis in die unmittelbare Gegenwart reichen, dokumentieren dieses Wachstum sichtbar nach außen. Während Schwester Maria Lioba noch die Einweihung des Sportzentrums mit der technisch hochwertig ausgestatteten Wettkampfhalle mit Tribüne erlebte, fällt in die Zeit von Frau Dr. Schmitz-Keil der Umbau des ehemaligen Internats, die Einrichtung der Hausaufgabenbetreuung, die Einrichtung weiterer Computer-Räume, die Internet-Nutzung durch Lehrer und Schülerinnen, die Erweiterung und Neugestaltung der Kunsträume mit Öffnung nach außen durch großzügige Ausstellungsräume zur Rheinstraße hin, die Erweiterung des A-Traktes, die Sanierung des D-Traktes, die eben erst abgeschlossen wurde. Dazu kommen die Schaffung eines Dachgartens, die Neugestaltung des Atriumshofes und die eben fertiggestellte Galerie im D-Trakt. Nicht zu vergessen die vorbildliche Realisierung der Brandschutzforderungen, die seit einigen Jahren alle Bauplanungen und Umbauvorhaben maßgeblich beeinflussen. Ein besonderes Anliegen unserer langjährigen Schulleiterin war die Neugestaltung unserer Schulkapelle; darauf komme ich gleich noch zurück.
Die Schule Marienberg wird bei diesem enormen Einsatz für Konzeption, Bauerhaltung und Neubebauung seit jeher durch die Stiftung Waisenhaus St. Anna und Schule Marienberg getragen und ist dabei in einer vergleichsweise beneidenswerten Lage, der sie durch ihr besonderes Engagement ihrer Lehrerschaft entsprochen hat und auch weiter entsprechen will. Das Kuratorium dieser Stiftung, dem laut Satzung der jeweilige Oberpfarrer von St. Quirin vorsteht, ist seit Jahren mit dem Namen der Familie Thywissen verbunden, denn Herrn Hermann Wilhelm Thywissen, ehemaliger Bürgermeister von Neuss, Expräsident des Neusser Schützenkomitees und Neusser Ehrenbürger, von uns zum Pater Marienbergensis ernannt, folgte sein Sohn Wilhelm Ferdinand, der mit ebensolchem Einsatz die Geschicke unserer Schule begleitet.
 
Frau Dr. Schmitz-Keil hat seit Beginn ihrer Tätigkeit in Marienberg den Zusammenhang von Leistung und Verantwortung betont. So hat sie schon im zweiten Jahr ihrer Leitung gegen ablehnende Vorbehalte der Bezirksregierung das Modell der individuellen Schulzeitverkürzung vorgestellt, in Kollegium und Elternschaft vertraut gemacht und etabliert, sodass es derzeit unter dem Namen „Neusser Modell“ zitiert wird. Natürlich werden begabte Schülerinnen hierbei besonders gefördert. Aber die geförderten Schülerinnen geben, indem sie sich durch Förderunterricht ihrerseits in den Dienst der Schule stellen, dieses besondere Engagement der Schule zurück.
 
Ich schließe meine Ausführungen, indem ich zu dem Ort unserer Schule gehe, der eigentlich das Zentrum unserer Schule ausmacht und der unserer Schule den Namen gegeben hat: Mons Mariae heißt das Kloster mit der der Gottesmutter geweihten Kapelle. Die Chronistin Frau Braekeler hat in der Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Kapelle ein besonderes Kapitel gewidmet und in der Festausgabe des Jahresheftes zum 125jährigen Bestehen in einem weiteren Artikel das seit 500 Jahren währende Gotteslob auf dem Marienberg apostrophiert. Ich sehe unsere Schule vor allem in dieser Tradition. Zu Recht hat man sich in den 70er Jahren dafür entschieden, den historischen Baugrund nicht zu verlassen zugunsten eines erweiterungsfreundlicheren Umfeldes im Grünen. Der historische Ort an der Stadtmauer ruft uns in Erinnerung, dass wir in einer eindrucksvollen Gebetskette über Jahrhunderte stehen. Dieser Gedanke wird mir immer bewusst, wenn ich auf alten Stichen und Bildern, die die Stadtsilhouette von Neuss darstellen, den markanten spitzen Dachreiter von Marienberg erkenne; oder wenn wir gewahr werden, dass sich unter der Kapelle vor den Stufen zum Altar die Gruft befindet, in der die Augustinerchorfrauen bis zur Auflassung des Klosters 1802 ihre letzte Ruhestatt fanden. Mit der Neugestaltung der Kapelle, die 1997 abgeschlossen wurde, hat die Stiftung als Bauherr unseren Schülerinnen und den Schwestern einen wunderbaren sakralen Bau übergeben, der mit seiner lichten Höhe und den eindrucksvollen Fenstern zu Sammlung und Gebet einlädt. Wie die Schwestern in ihrer langen Zeit, wie danach Frau Dr. Schmitz-Keil werde auch nicht müde, dieses Bewusstsein wach zu halten, dass der wöchentliche gemeinschaftliche Gottesdienst in den einzelnen Jahrgangsstufen integrativer und substantieller Bestandteil unseres Schullebens war und ist. Die Nutzung der Kapelle für hundert Jahre durch die evangelische Gemeinde in Neuss ist uns Ansporn zum gelebten ökumenischen Miteinander und soll, wie die Reden zum Jubiläum der evangelischen Gemeinde im letzten Jahr betont haben, den Dialog und unsere Praxis der Ökumene befördern.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Josef Burdich
 
 
Häufig gestellte Fragen
 
 Die Antworten

 

Pressespiegel 2012

 
 

 

 Studienwahl

Ein Service der Arbeitsagentur

 

Infos für Ehemalige
Zum Seitenanfang Benutzer-Login Seite weiterempfehlen Druckversion Kontakt  Hilfe  Barrierefrei  Impressum