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Nachrichten Chemie-Olympiade Seit 1911: Schwestern vom Armen Kinde Jesus an der Kirche Marienberg Das traditionelle Wandelkonzert zugunsten des Clara-Fey-Hilfe Gottesdienste
02.02.12, 11:45
- Regelmäßige Gottesdienste
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Termine der evangelischen Schulgottesdienste im zweiten Schulhalbjahr 2011/12
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Moralpädagogik im Wandel ? Eine historisch-kritische Betrachtung angesichts des aktuellen Rufs nach Werteerziehung Sehr geehrte Damen und Herren,
„Ist Tugend lehrbar?“ Mit dieser oder vergleichbaren Fragen pflegte vor etwa 2400
Jahren Sokrates nach der Überlieferung seines Schülers Platon renommierte Mitbewohner in den
Straßen und auf den Plätzen seiner Heimatstadt Athen zu konfrontieren und diese vermeintlichen
Spezialisten tugendhaften Lebenswandels in die Enge zu treiben, indem er deren Nichtwissen
entlarvte. „Was ist Tugend?“ Während die Jüngerschar, eine Mischung aus adeligen
Müßiggängern und vielleicht einigen wenigen echten Sinnsuchenden, mit Häme und Neugier die
regelmäßige Niederlage der durch die typisch sokratischen Dialoge in Aporie getriebenen
Gesprächspartner goutieren, darf der kauzige Meister, den die Nachwelt nur aus dem idealisierenden
Blickwinkel seiner Schüler kennt, für sich das berühmte Wort in Anspruch nehmen: „Ich weiß,
dass ich nichts weiß.“
Mit der eingangs gestellten Frage: „Ist Tugend lehrbar?“ können wir heute
geschichtlich die Geburtsstunde der Moralpädagogik fassen; zumindest ist dies der erste Beleg. Doch
weder Sokrates noch sein Schüler Platon hatten durch ihre Tugendlehre - trotz des
Bekanntheitsgrades - eine generelle nachhaltige Wirkung auf die Lebenspraxis ihrer Zeitgenossen, ja
Platons Ideenlehre, in der die
arete (versuchsweise wiederzugeben mit dem deutschen Begriff
Tugend) sogar ein Staatsmodell nach sich zog, diente im echten Wortsinn nur akademischem
Interesse: Platons auf der Tugendlehre fußender Staat,
Politeia, aufgebaut nach seiner Vorstellung von Gerechtigkeit, ließ sich nicht
verwirklichen; kläglich scheiterte bekanntlich Platons sizilisches Experiment. Wir dürfen nicht
außer Acht lassen, dass Platons hohe sittliche Anforderungen nicht auf eine für die Allgemeinheit
geltende Ordnung gerichtet waren. Mochte auch sein Lehrer Sokrates dem Handwerkerstand entstammen,
für Platon wie überhaupt die Antike steht fest, dass sittliche Appelle immer der Oberschicht,
traditionell also der Aristokratie, den Bildungseliten gelten. Somit sieht Platons Idealstaat mit
oligarchischen Strukturen für die Masse der Bevölkerung eine eher passive, sich selbst bescheidende
Rolle vor. Damit ist Platon wie nach ihm Aristoteles, Zenon, Epikur und alle sich von diesen
Lehrmeistern aus entwickelnden Schulen keine Ausnahme, wenn der Masse eine Volkes nur
Geringschätzung entgegengebracht wird, wenn Vorstellungen vom Ideal der Tugend nur Eingeweihte,
einen inneren Kreis von Adepten ansprechen sollen, wenn a priori nur eine zahlenmäßig geringe
Auslese apostrophiert wird.
Auch die Nachwirkungen der genannten philosophischen Richtungen in hellenistischer und
römischer Zeit erheben nie den Anspruch auf Breitenwirkung, geschweige denn, dass sie eine
allgemeine Tugendlehre propagierten. Und wenn Cicero den Philosophen vorwirft, dass sie sich nur
selbst bespiegeln an den von ihnen bevorzugten Orten, den Säulenhallen, den Schulen, im
philosophischen Lehrbetrieb, dass sie nur Spiegelfechtereien durchführen eben aus akademischem
Interesse, so darf Ciceros grundsätzlich richtiger Behauptung, dass
Tugend, lateinisch
virtus genannt, sich nicht in der Theorie erschöpfe, sondern allein in der Praxis, im
tugendhaften Leben und Handeln vollziehe, nicht allzu große Bedeutung beigemessen werden: „
Tugend bedarf der Anwendung.“ Diese von Cicero formulierte zeitlose These wird ad
absurdum geführt, wenn man bedenkt, dass Cicero sein Werk
De officiis (Vom pflichtgemäßen Handeln) in Zeiten bürgerkriegsähnlicher Zustände in
erzwungener Zurückgezogenheit geschrieben hat und dass seine Reflexionen bezüglich Moral und
Anforderungen an verantwortungsvolle Staatsmänner in keiner Weise den in Auflösung und Dekadenz
befindlichen realen Verhältnisse seiner Zeit entsprachen.
Wir dürfen ernüchtert festhalten, dass das gesamte Gebäude der antiken Philosophie, besser
spricht man von Philosophien, bezüglich der Frage nach Breitenwirkung, realem Nutzen, moralischer
Festigung und Verwurzelung in der Gesellschaft einstürzen muss. Wir bewundern heute ebenso wie das
Mittelalter und die Neuzeit die faszinierenden Darstellungen einer in sich logischen und gedanklich
sicher zu bejahenden Tugendlehre, wir sehen aber auch die unerwünschten oligarchischen Dünkel, die
auf Individualismus und Abgrenzung von der verachteten Masse abzielen, die die persönliche
Vervollkommnung im Kreise einer Elite im Auge haben; wir sehen aber auch das allzu Menschliche in
einer Vita Ciceros oder Senecas, die ihren selbst gesetzten Forderungen nur ansatzweise gerecht
werden.
Dergleichen Beobachtungen sind bereits von Augustinus formuliert worden, besonders in seinem
Werk
De civitate Dei (Über den Gottesstaat), einer christlich-endzeitlich orientierten Antwort
auf die antiken staatsphilosophischen Modelle. Diese mussten nach Augustinus scheitern, weil sie
die Natur des Menschen nicht berücksichtigten, die Ideale in allen Ehren.
Trotzdem dürfen die antiken Philosophen, insbesondere Platon und Aristoteles, für sich in
Anspruch nehmen, auf die eingangs gestellte Frage: „Ist Tugend lehrbar?“, aber auch auf
andere Fragen: „Was kann durch praktische Übungen erreicht werden? Was kann durch
Unterrichtung erreicht werden?“ differenzierte Antworten gegeben zu haben. Sie haben
kognitive, aber auch emotional-affektive und handlungsorientierte Erziehungsaspekte systematisch
aufeinander bezogen und demgemäß den theoretischen Rahmen abgesteckt, in dessen Grenzen sich
fürderhin Moralpädagogik bewegt.
Es ist zu konstatieren, dass der Begriff
Tugend aus unserem Sprachschatz heimlich verschwunden zu sein scheint. In der
fachwissenschaftlichen Literatur der Pädagogik ist er seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts
nicht mehr nachweisbar, in der Alltagssprache ist der Begriff
Tugend als antiquiert, rückschrittlich und belächelt konnotiert, da dem Tugendhaften etwas
Scheinheiliges und Musterschülerhaftes angedichtet wird, eine Bravheit, die als Schwäche gedeutet
wird. Signifikant wird diese „lädierte Semantik“, wie Bollnow es ausdrückt, z.B. in den
karikierenden Skizzen von Wilhelm Busch, etwa in seiner „Frommen Helene“. In der Tat
wird in derlei Verzerrungen Tugend zu etwas Negativem, da hier vordergründig Tugend vorausgesetzt
wird, mit Tugend geprahlt wird, jedoch erregt die angeblich tugendhafte Person berechtigtes
Missfallen, sie wird zum „Tugendbold“. Bereits Nietzsche bemerkte Ende des
19.Jahrhunderts, dass der Tugendbegriff nicht mehr zu halten sei, ein Wort, „bei dem Lehrer
und Schüler sich nichts mehr denken können, ein altmodisches Wort, über das man lächelt – und
schlimm, wenn man nicht lächelt, dann wird man heucheln“ (1988, S.345). Der Ausdruck
Tugend erfüllte nur noch eine ironische Funktion (Münch 1984, S.17). Deshalb
verschwand er aus der Praxis der Erziehung.
Interessant ist die Beobachtung des frühneuzeitlichen Erziehungswissenschaftlers Helvetius,
der Ende des 18. Jahrhunderts herausstellte, dass der Begriff abhängig sei von den jeweiligen
sozialen Bedürfnissen und Wertvorstellungen. Demgemäß seien die Christen der Urkirche in ihrem
jeweiligen sozialen Kontext angefeindet worden, weil sie Nächstenliebe, Nachsicht und
Friedfertigkeit predigten, was nicht dem damals geltenden Mainstream entsprach. Helvetius erkennt
die Veränderung der Haltung der Christen beispielsweise in der Zeit der Kreuzzüge, als die
Vorstellungen von karitativ-humanen Tugenden zurückzustehen hatten gegenüber einer kämpferischen,
sich aufopfernden und zerstörerischen Haltung. Diese von Helvetius noch unbeholfen formulierte
Beobachtung entbehrt nicht einer tiefer greifenden Einsicht, dass zu allen Zeiten Machthaber Tugend
für sich in Anspruch genommen haben und in einer Pervertierung den Kanon bürgerlicher Tugenden in
zynischer Weise für ihre Zwecke instrumentalisiert haben. Wir erinnern uns an die Parolen der
Nationalsozialisten, aber auch die anderer totalitärer Staaten. So ist in der DDR nie ein
prinzipieller Zweifel am Tugendkatalog laut geworden; vielmehr wurden die so genannten
bürgerlichen Tugenden – in einem System, das die Bourgeoisie doch bekämpfte – besonders
geschätzt, nämlich Ehrlichkeit, Arbeitsamkeit, Fleiß, Strebsamkeit, Mut, Kameradschaftlichkeit u.a.
Erstaunlich erscheint uns heute die Anpassungsfähigkeit der diktatorischen Systeme, sei es nun in
nationalsozialistischer oder marxistisch-leninistischer Ideologie.
Als zeitlos und gegenüber dem Missbrauch durch Herrschaftsinteressen resistent erwiesen hat
sich die Moraltheologie. Ich rede hier nicht von der Instrumentalisierung von Kirche für politische
Interessen. So ging die Epoche, die man in der Geschichte das Zeitalter des Humanismus nennt,
nahtlos in ein chaotisches Zeitalter der Glaubenskriege über, das mit dem sog. 30jährigen Krieg
geradezu anarchische Züge annahm und über Mitteleuropa ein ungeheures Ausmaß an Verwüstung und Tod
brachte. In der Lehre hingegen behielten Glaube, Hoffnung und Liebe durch alle Jahrhunderte ihre
Gültigkeit, Kirche hielt immer am Tugendbegriff fest; damit verlieh sie sich einen der Zeitlichkeit
enthobenen und universellen Charakter.
Gerade dieser hohe Anspruch dürfte bei allen Religionskritikern und allen neuzeitlichen
Tendenzen, der Freiheit des Menschen von jeglichen Zwängen Geltung zu verschaffen, zur Verschärfung
der oben beschriebenen distanzierten und ironischen Haltung z.B. eines Wilhelm Busch beigetragen
haben. Hohe Ansprüche provozieren, und wenn sie nicht mainstream-konform sind, umso mehr. Übrigens
hat der Gegenbegriff zur Tugend, das Laster, eine eben solche Entwicklung durchgemacht. Heute, in
einer Zeit, in der man sich zu seiner Sünde bekennen soll, wie uns die Werbung glauben macht, ist
der Begriff
Laster, der ursprünglich das Schlechte, das Böse an sich bezeichnete, harmlos verkommen zu
einer kokettierenden Umschreibung z. B einer unbeherrschten Nascherei, für die man aber Verständnis
aufbringen müsse:
Die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt. Man spricht von Diätsünden, die man mit
der richtigen Diätmarmelade ausbalanciert – als wäre eine Balance von Verfehlung und
Linientreue anzustreben.
Dennoch haben wir immer noch hohe Ziele, Ideale, Vorstellungen davon, wie menschliches Leben
sein sollte. Wir berufen uns darauf in abgehobener Weise in Präambeln und
Grundsatzformulierungen, in Schulprofilen und Lernzieltaxonomien. In unserer Zeit hat der Begriff
der
Werte den der Tugend, und bisweilen auch den der Moral, im alltäglichen Sprachgebrauch, aber
auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung verdrängt. Dafür ist der schöne Ausdruck der
post-tugend-pädagogischen Denkhaltung geprägt worden (Fee, Werte und Bildung, S.27). Der
Begriff des Wertes ist uns ja auch in anderen sehr wichtigen Lebensbereichen geläufig, nämlich in
der materialistischen wirtschaftlichen Sichtweise. Wert ist etwas, was gilt. Geld ist etymologisch
mit
gelten verwandt. Es bedarf eines Konsenses zwischen Tauschpartnern, den Wert eines
Gegenstandes festzulegen; in einer modernen marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaft regeln
sich die Fragen nach dem Wert nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage. Auch in die uns
gegenwärtig umgebende Werbewelt hat der Begriff des Wertes Eingang gefunden:
Weil Sie es sich wert sind, sollen Sie ein bestimmtes Produkt erstehen; man steht zu
Freizeit, Erholung, Genuss:
Das ist es mir wert, heißt es. Der Staat profitiert von einer besonderen Steuer, die den
Mehrwert betont.
Von welchem Wert ist hier eigentlich die Rede? Als hochwertig bezeichnet z.B. die Werbesprache
Materialien, Gegenstände und Dienstleistungen die sich durch Vertrauenswürdigkeit und Beständigkeit
auszeichnen. Eben diese Eigenschaften, die wir als genuin
tugendhaft empfinden, werden nun vergänglichen, materiellen Bereichen zugeordnet. Bei diesem
Beispiel mag deutlich werden, dass sich kommerzielle Vorstellungen von Wert und Wertschätzung mit
den Zielsetzungen einer Moralbildung vermischen.
Das scheint das Dilemma unserer Zeit zu sein, dass wir einerseits Werte einklagen und fordern,
andererseits jedoch im Einzelfall nicht klar ist, womit der jeweilige Wertbegriff gefüllt wird. Der
Begriff der Werte scheint dem Begriff der Tugenden insofern überlegen zu sein, da mit ihm eine
gewisse Freiheit und Selbstbestimmung erhalten bleiben. Denn die Definition des Wertes wird vom
einzelnen selbst bestimmt. Und auch beim Aufbau eines eigenen Wertesystems muss ein Freiraum
persönlicher Selbstgestaltung gegeben sein, in dessen Rahmen Selbstverwirklichung stattfinden kann.
Wenn einerseits der Tugenderziehung und in ihrem Gefolge der Befürwortung eines verbindlichen
Wertekanons der Vorwurf gemacht wird, dass in autoritärer Weise Verhalten dressiert werde, so muss
sich andererseits eine unverbindliche Werteerziehung den Vorwurf des Indifferentismus gefallen
lassen. Zwar kann gegenüber einem Grundwertedogmatismus eingewendet werden, dass eine
dementsprechende Erziehung das unterlaufe, was sie eigentlich fördern müsse, nämlich Selbsteinsicht
und Selbstkompetenz (Heinrich Roth 1971, S.540), aber offensichtlich wird von diesen Idealisten
übersehen, dass der Relativismus die Gefahr in sich birgt, eine Sicht der Welt zuzulassen, die
letztlich nichts als definitiv anerkennt und als letzten Maßstab nur das eigene Ich mit seinen
Wünschen gelten lässt (Pera/Ratzinger S.75), im Hinblick auf die aktuellen Fragen der Gentechnik,
Embryonalforschung, Abtreibung und Sterbehilfe bedeutet dies – um Ratzinger zu zitieren:
„Der Mensch kann viel und kann immer mehr; wenn dieses Können nicht sein Maß in einem Dürfen
findet, dann wird es … zur Macht der Zerstörung. Der Mensch kann Menschen klonen – also
tut er es. Der Mensch kann Menschen als Organvorrat für andere benützen, also tut er es, …
der Mensch kann Atombomben bauen, also tut er es.“ (Pera/Ratzinger S.75)
Gerade heute, mit einem so ungeheuren Erfahrungsschatz, den uns die Geschichte bietet und aus
dem wir doch gelernt haben sollten, glauben wir, Fortschritte gemacht zu haben. Wir glauben uns
früheren Epochen überlegen, so ist es doch. Darum sind wir oder zeigen wir uns umso mehr
erschüttert, wenn wir offensichtlich typisch menschlichen Verhaltensmustern begegnen, wenn einer
den anderen übertölpelt, hintergeht, anlügt, um für sich einen persönlichen Vorteil, Macht oder
Besitz, zu gewinnen. Ein gutes Beispiel sind die Dopingaffären im Sport: Bei all den Enthüllungen
und Skandalen hat der Laie den Eindruck, dass hier nach abgekarteten Regeln eine große Fiktion von
Fairplay, Ritterlichkeit und Wettkampf aufrechterhalten wird, während in großem Stil
leistungsfördernde Substanzen nach wie vor verabreicht werden. Viel Geld steht auf dem Spiel, so
dass bei den Radprofis auch der ausgelobte Neubeginn mit schriftlich festgehaltenen
Ehrenerklärungen zu einer Farce wird. Unsere Entrüstung darf getrost der Einsicht weichen, dass es
schon immer so war, vielleicht nicht in ganz so großem Stil und so perfekt, aber bereits bei den
antiken Olympischen Spielen kam es zu Annullierungen und Ausschlüssen wegen Betrugs. Das
differenzierte antike olympische Regelwerk lässt darauf schließen, dass sich Menschen bei
Wettbewerben schon immer unerlaubte Vorteile zu verschaffen suchten, zum Schaden für andere, wie
das fabelhafte Märchen von Hase und Igel uns lehrt; und das nicht nur bei Wettbewerben sportlicher
Natur, sondern auch bei Bauausschreibungen, Bewerbungen um Ämter und Titel, bei Thronkandidaturen
und politischen Abstimmungen. Und die Geschichte weist zahlreiche Beispiele auf, bei denen
unerlaubte Manipulationen im Nachhinein sogar Gutes zur Folge hatten.
Wir befinden uns an dieser Stelle unserer Darlegungen in einem Dilemma. Denn wir berühren hier
die grundsätzliche Ebene jeglichen philosophischen Fragens: „Was ist überhaupt gut?“
Schon Platon wusste, dass man mit herkömmlichem Reden nicht sagen könne, was das Wort
gut bedeutet. In seinem 7. Brief (zitiert bei Spaemann S.7) sagt er: „Nur nach
häufiger familiärer Unterredung gerade über diesen Gegenstand sowie aus innigem Zusammenleben
entspringt plötzlich jene Idee in der Seele wie aus einem Feuerfunken das angezündete Licht und
bricht sich dann selbst weiter seine Bahn.“ Spaemann (S.48) deutet diesen Gedanken so aus,
dass man erst daran sehen könne, ob jemand die Bedeutung des Wortes
gut verstanden habe, wenn von dem, was dieses Wort meint, irgendeine motivierende Kraft für
sein Handeln ausgehe. Dabei beruft sich Spaemann auf Sokrates, der in diesem gelehrt habe, dass
niemand wirklich wisse, was das Wort
gut bedeute, für den dieses Wissen folgenlos bleibe. Es ist das grundsätzliche
Betätigungsfeld der philosophischen Ethik, das, was man als sittliche Verpflichtungen, als
Tugenden, Normen oder Werte kennt, auf eine gemeinsame Wurzel zurückzuführen und in der Herleitung
von dieser Wurzel in einen systematischen Zusammenhang zu bringen (Spaemann S.8). Eine andere
Ebene, die eher im Anwendungsbereich liegt, stellt die Erörterung von Einzelfragen dar, wie sie
seit jeher von Philosophen und Theologen geführt wird, etwa die Frage der Lüge, des Umgangs mit der
Natur, mit Sexualität, mit Sterbehilfe und Abtreibung, mit Kriegsdienst. Die eben genannte
gemeinsame Wurzel von Werten, das moralische Gesetz, das man auch Naturrecht nennen kann
(Ratzinger), sind dem Menschen letztlich ins Innere eingeschrieben. Sie manifestieren sich z.B. in
den
Zehn Geboten, die – wie Ratzinger betont – nicht als Sonderbesitz von Juden und
Christen aufzufassen sind, sondern die seit jeher ein gemeinsames Rechtsfundament darstellen und
bei den von Ratzinger als solchen apostrophierten „Konsensgesellschaften“ nicht zur
Debatte stehen dürften: Neben den bekannten Geboten des mosaischen Gesetzes sind dies die
Elternpflichten, die Geltung der Dankbarkeit, Ablehnung von Geiz, Achtung der Großherzigkeit,
Unparteilichkeit, Tapferkeit (vgl. Spaemann S.16).
Platon und Aristoteles stimmen dahingehend überein, wenn sie den Zusammenhang von Bildung und
Erziehung als unerlässlichen Faktoren setzen, um eine sittliche Entwicklung des Individuums
voranzutreiben. Die
paideia ist von Grund auf moralisch konnotiert, stellt der Humanwissenschaftler Timo Hoyer
fest, wie auch vor ihm bereits Werner Jäger, der Klassiker der antiken Erziehungswissenschaften.
Tadellose Lebensführung wird von den antiken Theoretikern wechselweise in Verhaltensgewohnheiten
des Familienlebens wie des Staatslebens reflektiert; tadellose Lebensführung wird als
vernunftgeleitet definiert und in der gängigen antiken Polarisierung den abzulehnenden, weil
affektgesteuerten, triebhaften Handlungen entgegengesetzt. Affektreduktion, also die
„Tilgung der Leidenschaften“, und Vernunftbildung sind die gemeinsame Voraussetzung von
prinzipiengeleiteter Charakterfestigkeit (Sen. epist. 20,3).
Richtig leben, das heißt: der Wirklichkeit gerecht werden, die eigenen Interessen
objektivieren, sich durch den Wertgehalt der Wirklichkeit formen lassen (Spaemann S.48). Erziehung
soll also den Menschen befähigen, sich zu befreien von der Auslieferung an den Reiz des
Augenblicks, ihn fähig machen,
sein Leben zu führen statt „gelebt zu werden“ (Spaemann o.a.).
Richtig leben heißt, seine Vorlieben in die richtige Rangordnung bringen; die Antike hat
hierfür die schöne bildhafte Antwort:
Mit sich selbst in Freundschaft leben, glücklich sein.
Mit der Ausbildung von objektiven Interessen, mit der Objektivierung unserer Wünsche und
Interessen unterstelle man sich allgemeinen Maßstäben, erst so würden eigene Interessen und Wünsche
mit denen anderer vergleichbar und könnten in der Konkurrenz mit anderen zu Verständigung
beitragen, zur Kommunikation. Denn gelingendes Leben bedeute immer den
anderen,
dem anderen Menschen gerecht zu werden: Menschsein gibt es nicht ohne den anderen (Spaemann
S.49).
Bereits die Antike hat erkannt, darin sind sich Stoiker und Epikureer einig, dass in derlei
Erziehungsprozessen der Vernunft, der Einsicht als der Quelle alles Guten (Epikur Men. 132) eine
besondere Rolle zukomme. Demzufolge rückt das Denkvermögen unweigerlich in das Zentrum des
pädagogischen Interesses: Erziehung zur Tugend bedeutet demgemäß, dass der Pflege und Lenkung der
Vernunft das besondere Augenmerk gewidmet wird.
Die Methoden der Vermittlung waren sicher sehr unterschiedlich. Wir haben heute unsere
berechtigten Vorbehalte, wenn in Mittelalter und Neuzeit moralisierende Dialoge und Lektüren als
prägendes Instrument bei der Charakterbildung als unumstritten galten. Doch sind die Stimmen
zahlreich, die dagegen einwenden, dass Tugenden, sofern man sie als Neigungen und Fertigkeiten
betrachtet, unmöglich gelehrt werden könnten, sondern bloß durch Übung, also durch die Praxis
erlangt werden müssen (Schopenhauer). Gegen alle Kritik hat sich bis in unsere Zeit Johann
Friedrich Herbart mit seiner schon
Lehrbarkeitsdoktrin zu nennenden Sichtweise Geltung verschafft. Seine Schüler hatten und
haben sich mit den Einwänden auseinanderzusetzen, dass Wissen und kognitive Bildung für die
Motivation von moralischem Handeln schlichtweg unzureichend sei: „Der Weg zum Willen geht
nicht über den Verstand!“ oder: „Im Anfang ist die Tat!“ Mit solchen und ähnlich
plakativen Sentenzen weisen die Kritiker Herbarts auf den Primat der Einübung und Angewöhnung
gegenüber der Verstandesbildung hin.
Wie immer scheint der richtige bzw. der wahrscheinlich beste Weg in der Mitte zu liegen, da
hier eine unnötige, zu Dogmatismus neigende Polarisierung vermieden wird. Deshalb muss eine
Erziehung, die sich eine Wertevermittlung zum Ziel gesetzt hat, sowohl gekennzeichnet sein von
einer umfassenden und allgemeinen Bildung auf anspruchsvollem Niveau wie sie auch geprägt sein muss
von den vorbildhaften Persönlichkeiten, die diese Bildung vermitteln, aber auch von den
Möglichkeiten, auf verschiedensten Ebenen permanent Felder der Übung, Anwendung und Erprobung zu
schaffen. Das ist ein sehr hoher Anspruch und wird unser menschliches Streben sicher manchmal
überfordern. Dennoch kann selbst das Eingeständnis, hinter dem Anspruch zurückgeblieben zu sein,
den Ansporn zu erneutem Bemühen auf dem gemeinsamen Weg geben.
Gemeinsames Bemühen verbindet uns in unserer Schulgemeinde Marienberg und ist kennzeichnend
für die gesamte Geschichte unserer Schule seit ihrer Gründung durch die Schwestern vom armen Kinde
Jesus. Fast 135 Jahre lang haben die Schwestern verantwortlich im Sinne des eben skizzierten Weges
jungen Mädchen aus Neuss und Umgebung umfassend und sinnstiftend Bildung vermittelt. Zunächst taten
sie dies durch überwiegend kompetente und prägende Lehrpersonen aus den eigenen Reihen. Mit der
Zeit traten zunehmend Kolleginnen und auch männliche Kollegen hinzu, die nicht dem kirchlichen
Stand angehören, aber kirchlich gebunden sind. Die Schwestern verkörperten und verkörpern bis heute
durch ihre an die Regel gebundene Lebensweise, durch die Tracht und durch ihr gesamtes
Selbstverständnis die Synergie eines den christlichen Tugenden verpflichteten Ideals und einer
durch den Habit zum Ausdruck gebrachten demutsvollen Zurücknahme der eigenen Person.
Seit 1991 ist das Erzbistum Köln Träger unserer Schule. Das Ziel, junge Menschen auf ein Leben
in christlicher Verantwortung vorzubereiten und dazu gut auszubilden, lässt sich das Erzbistum in
all seinen Schulen angelegen sein. Hier in Marienberg gibt es uns zugleich die Möglichkeit, die
segensreiche Arbeit der Schwestern fortzusetzen. Neben den eigentlichen Bildungsauftrag tritt auch
das breit gefächerte soziale Engagement an beiden Schulen, die hohen Aufwendungen zugunsten der
karitativen und sozialen Einrichtungen der Schwestern vom armen Kinde Jesus in Kolumbien, die
Verantwortung im Sozialpraktikum, beim Förderkonzept, beim Mentorenprogramm, beim
Krankenbesuchsdienst oder beim Silentium. Dankbar blicken wir dabei auf die Schwestern, deren
Gesichtern man damals und heute die Freude an den Kindern und Jugendlichen ablesen kann und die
immer alles Wirken und Tun, alle Erfolge und Misserfolge unter den Segen Gottes gestellt, dem sie
sich, ihre Schützlinge und deren Anliegen im Gebet empfohlen haben. Ihr Bildungswerk in Marienberg,
das wir fortsetzen dürfen und wollen, lässt uns ahnen: Tugend ist lehrbar. – Ich danke für
Ihre
Aufmerksamkeit.
Literaturverzeichnis:
Ratzinger, Joseph Kardinal: Wahrheit, Werte, Macht. Pluralistische Gesellschaft im
Kreuzverhör, Frankfurt/M. 1999
Ratzinger, Joseph Kardinal: Werte in Zeiten des Umbruchs. Die Herausforderungen der Zukunft
bestehen, Freiburg/Basel/Wien 2005
Ockenfels, Wolfgang: Auch Demokratie braucht Moral (Kirche und Gesellschaft Nr. 332), Köln
2006
Ratzinger, Joseph Kardinal: Salz der Erde, München 1996
Spaeman, Robert: Moralische Grundbegriffe, München 3.1986
Pera, Marcello/Ratzinger, Joseph: Ohne Wurzeln. Der Relativismus und die Krise der
europäischen Kultur, Augsburg 2005
Hoyer, Timo: Tugend und Erziehung. Eine Grundlegung der Moralpädagogik in der Antike, Bad
Heilbrunn 2005
Jaeger, Werner: Paideia. Die Formung des griechischen Menschen. Bd.1 Berlin/Leipzig 1934, Bd.2
Berlin 1944, Bd.3 Berlin 1947
Bollnow, Otto Friedrich: Wesen und Wandel der Tugenden, Frankfurt/M. 1958
Jodel, Friedrich: Die Lehrbarkeit der Moral, in: Penzig, Rudolph (Hg.): Die Harmonie zwischen
Religions- und Moralunterricht, Berlin 1912, S.101-116
Pleines, Jürgen-Eckhardt: Ist Tugend lehrbar? In: Vierteljahresschrift für wissenschaftliche
Pädagogik 61 (1985), S.197-212
Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Bd.1 [1818], in: ders.: Werke in 5
Bänden. Bd.1 hg. V. Ludger Lükehaus, Zürich 1988
Helvetius, Claude Adrien: Vom Menschen, seinen geistigen Fähigkeiten und seiner Erziehung
[1772], hg. U. übers. v. Günther Mensching, Frankfurt/M. 1972
Dikow, Joachim: Die Kirche und die katholische Schule. Handbuch Katholische Schule Bd.2,
Pädagogische Beiträge Hft.3, Köln 1992
Anzenbacher, Arno: Philosophie und katholische Schule. Handbuch katholische Schule Bd.2,
Pädagogische Beiträge Hft. 4, Köln 1992 |
Veranstaltungen Aufführung : The Messiah von Georg Friedrich Händel mit dem Chor und Orchester des Gymnasiums Marienberg KINDerLEBEN ... In (Herzens-)Bildung und Erziehung investieren!
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