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Historisches Schulprofil
Schulbildung für Mädchen in Neuss?
1857
Die preußische Schulpolitik schreibt im 19. Jahrhundert
zwar die allgemeine Schulpflicht gesetzlich vor, ermöglicht aber
keinesfalls Bedarfs deckenden Schulbesuch. Mädchen werden am
stärksten von der Schulpolitik vernachlässigt. Ihre Lebensaufgaben
scheinen einen Schulbesuch nicht dringend erforderlich zu machen!
Jedenfalls kümmert sich die praktische Politik nicht um ihre
Bildung.
In Neuss gibt es seit den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts die
damals 4-klassige Schule des alten Quirinusgymnasiums, die eine
über die Elementarkenntnisse hinausgehende Bildung vermittelt - für
Jungen. Für die Mädchen gibt es keine entsprechende Schule. Ihre
Eltern können sie eine privat geführte ‘Höhere
Töchterschule’ besuchen lassen, meist aus zwei Klassen
bestehend, mitunter auch nur einklassig, oder, wenn ihre
Bildungsansprüche höher sind, sie in eine Internatsschule
geben.
Diesem kommunalen Missstand hilft 1857 eine Bürgerinitiative der
Stadt ab. Sie stellen in Zusammenarbeit mit den Schwestern vom
armen Kinde Jesus die bestehende „Höhere
Töchterschule„, die in diesem Jahr wieder einmal ihre einzige
Lehrerin verliert, auf eine neue Existenzgrundlage. Mit einer
langfristig gültigen Finanzstiftung verpflichtet sich die
Bürgerinitiative, für die wirtschaftliche Grundlage der neuen
Schule zu sorgen, im wesentlichen für die Gebäude. Die Schwestern
übernehmen den Part des Schulträgers. Die Bildungsverantwortung,
die Ordensschwestern und Bürgerstiftung für die ein Jahrhundert
lang einzige „Höhere Töchterschule„ in Neuss gemeinsam
tragen, verschafft ihr Selbstbewusstsein. Sie weiß ihre
Bildungsleistung anerkannt, offensichtlich ist in der
Öffentlichkeit nicht erwartet, sie sonderlich herauszustellen.
Historisches Schulprofil
1857 - 1941
„Höhere Töchterschule„ 1857:
-
Start als privates Lehrerinnenseminar
1857 -
1874 und 1877 - 1909
Von Anfang an zielt die neue „Höhere
Töchterschule„ der Stadt auf einen quasiseminaristischen
Schulabschluss. Einerseits ermöglicht sie damit Mädchen eine
Berufsvorbereitung und -ausbildung als Elementarschullehrerinnen,
ein damals neues Berufsprofil für junge Frauen, das ihnen den Weg
zu selbständiger Tätigkeit in der Gesellschaft öffnet. Das Angebot
dieses wenn auch staatlich nicht anerkannten Bildungsabschlusses
zeugt von der tatkräftigen Initiative, Frauenbildung im Bewusstsein
der Bevölkerung zu etwas Selbstverständlichem werden zu lassen.
Fast 100 % der Schülerinnen erwerben diesen Bildungsabschluss. Sie
übernehmen nach Abschluss ihres Bildungsgangs sogleich
Sozialverantwortung für die bildungsbenachteiligte Bevölkerung. Mit
ihrer neuen Berufstätigkeit ermöglichen sie, dass mehr
Schulunterricht stattfinden kann. Sie erreichen vor allem die bis
dahin die den Schulen fern gebliebenen sozialen Gruppen, deren
größten Anteil wiederum Mädchen stellen. Die in den Jahrzehnten des
19. Jahrhunderts ausgebildeten Generationen von Lehrerinnen tragen
dazu bei, daß Schulbildung Volksbildung wird und nicht Vorrecht
einer kleinen Gruppe bleibt.
Das staatliche Berufs- und Aufenthaltsverbot für die
Ordensschwestern in der Zeit des Kulturkampfes schwächt die Arbeit
der Schule vorübergehend (1774-77), es veranlasst die
Ordensgemeinschaft, qualifizierte Lehrerinnenseminare im westlichen
Ausland aufzubauen und in Zusammenarbeit mit diesen Einrichtungen
bis ins 20. Jahrhundert hinein die gleichen Bildungsziele
erfolgreicher anzustreben.
Lyzeum und Mädchen-Studienanstalt
„Marienberg„
1909 - 1933
1909 gibt die Schulleiterin Sr. Thoma Angelica der
„Höheren Töchterschule„ ein neues Profil und teilt ihr
damit eine kulturpolitische Vorreiterrolle zu, an der nur wenige
Mädchenschulen Anteil haben. Sie wandelt die Schule in ein Lyzeum
um, zugleich in der Absicht, ihr eine „Studienanstalt„
anzugliedern. Es entsteht damit ein Schultyp, der dem der späteren
Gymnasien entspricht. Mit dieser Veränderung wird in Neuss eines
der ersten Mädchengymnasien in der Rheinprovinz Preußens gegründet.
Der Bedeutung gemäß, die dieser schulpolitische Schritt hat,
verändert die Schule ihren Namen. Sie nennt sich MARIENBERG, - nach
ihrem Standort beim historischen Kloster.
Ab sofort wird nach dem öffentlichen Lehrplan unterrichtet, was
damals eine Qualifizierung des Bildungsprogramms darstellte. Mit
der verwaltungsrechtlichen Anerkennung des Lyzeums 1912 werden
seine Zeugnisse gültige Rechtsdokumente. Zugleich wird seit 1912
auf der Eingangsstufe des Lyzeums die Studienanstalt aufgebaut, die
1918 erstmalig Abiturprüfungen unter externer Schulaufsicht
durchführt - mit Absolventinnen, von denen ein hoher Anteil im
anschließenden Universitätsstudium promoviert. Weil damals
Mädchenschulen, die zum Abitur führen, eine Seltenheit sind, weitet
sich das Einzugsgebiet der Schülerinnen stark aus. Ein Internat
wird eingerichtet und ermöglicht nicht nur den Schülerinnen aus dem
Landkreis, sondern auch Externen, die mehrere hundert
Kilometer entfernt wohnen, den Besuch der Schule. - Eine
Abiturientin des ersten Abiturjahrgangs kommt z.B. aus dem Raum
Frankfurt/M..
Damals nimmt Marienberg die intellektuelle Leistungsorientierung
in das Profil der Mädchenbildung auf. Selbstbewusstsein und
Eigenständigkeit sollen den Schülerinnen ermöglichen, als gebildete
Frauen im öffentlichen Leben Verantwortung zu übernehmen, und zwar
auch in Berufen, die über das Feld der Sozialarbeit im weitesten
Sinn hinausreichen und bis dahin Frauen nicht zugänglich waren.
dass eine der ersten deutschen Parlamentarierinnen, Christine
Teusch, die in Deutschland Parlamentsgeschichte mitgeschrieben hat
und nach dem Zweiten Weltkrieg lange Jahre als Kultusministerin
amtiert, eine kurze Dienstzeit als Lehrerin in Marienberg arbeitet,
mag für diese Zeit der Schule bezeichnend sein. Frauen sollten
höchste Bildungsabschlüsse absolvieren können, um auch höchste
Aufgaben innerhalb der Gesellschaft übernehmen zu können! - Diese
persönliche Entwicklung wird den Schülerinnen ohne kämpferisches
Bewusstsein als zugleich selbstverständliches gesellschaftliches
Erfordernis erreichbar gemacht.
Schritt für Schritt hat Marienberg diese Gedanken seit 1909 in
sein Bildungsprogramm aufgenommen.
Ringen um die Glaubwürdigkeit des
katholischen Bildungsprofils
1933 -
1941
Solange das Christsein in der Gesellschaft und religiöser Glaube
überhaupt geachtet sind und die Menschen am religiösen Leben ihrer
Kirche teilnehmen, sind religiöse Erziehung und Bildung nicht
sonderlich problematisch. Die geistige Durchdringung und
existenzielle Aneignung des Glaubens haben ihren Platz im
Schulleben, und das Vorbild der Lehrer, wenn es glaubwürdig gelebt
wird, kann mehr bewirken, als im Alltag des Schullebens deutlich
wird. Auf dem Prüfstand steht die Konfessionalität einer Schule,
wenn der Trend der Zeit religionsfremd oder gar religionsfeindlich
wird. Dieser Prüfung muss die Schule sich in der
nationalsozialistischen Zeit stellen. Was sie in dieser Zeit
bewundernswert macht, ist, daß sie in der Verteidigung der wehrlos
Gewordenen, der Juden, ihre eigene Identität wahrt.
Ohne alles Heldentum, aber mit klarem Kopf geführt, schützt das
Gefüge des Schullebens in Marienberg seine jüdischen Schülerinnen.
Der Zeitgeist machte nicht vor den Toren der Schule Halt, sondern
war durch eine Minderheit der Lehrer/innen und eine schwer zu
schätzende Zahl von Schülerinnen in Marienberg präsent. Dennoch
behielten die Regeln der religiösen Toleranz ihre Kraft, die in den
vorangegangenen Jahrzehnten in der Schule als
Selbstverständlichkeiten praktiziert worden waren. In den Räumen
der Schule wurde der Religionsunterricht der jüdischen Schülerinnen
auch nach 1933 vom Rabbiner der Synagoge erteilt. Die Integration
dieser jüdischen Schülerinnen in der Schule war offensichtlich so
stark, dass trotz der täglichen Diskriminierung und Verhetzung der
jüdischen Bürger der Schulbesuch ihrer Töchter, der von der
Schulleitung Marienbergs geschützt war, auch von der
Schulgemeinschaft mitgetragen wurde. Die letzte jüdische Schülerin
ist in der Schulstatistik Marienbergs noch zu Schuljahrsbeginn
1938/39 belegt, - zwei Jahre nach Beginn der öffentlichen
Entrechtung der Juden in Deutschland und ihrer Vertreibung von den
Schulen. Nach mündlicher Überlieferung (durch Frau Braeckeler) nahm
Sr. Mariana sogar noch ‘nicht-arische’ Schülerinnen des
Cecilien-Gymnasiums in Oberkassel auf, weil die dortige
Schulleiterin (eine Verwandte Frau Braeckelers) sie an ihrer Schule
nicht mehr halten konnte und ihre Kollegin in Neuss um deren
Aufnahme bat. Diese Schülerinnen werden in der Schulstatistik nicht
mehr als ‘Israelitinnen’ erkennbar.
Bildung und Erziehung an Marienberg, am katholischen Glauben
orientiert, haben von den ersten Anfängen an (d.h. seit 1857) das
Ziel gehabt, mit absoluter Verbindlichkeit begründbare Wertmaßstäbe
zu vermittelt, die das Humanum schützen. Das heißt vor allem: es
ist nicht zu umgehende Pflicht des Christen, das Leben des Menschen
in jeglicher Bedrohung zu verteidigen und es durch Achtung zu
stärken. Unter keiner Bedingung kann sein Recht zu leben zur
Disposition stehen. Wie fremd uns die Milieugebundenheit der
religiösen Erziehung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts heute
sein mag, es ist anzuerkennen, dass sie in Marienberg dem
Rassenwahn Grenzen zu setzen vermochte und die Treue zu Gott in
schwierigster Zeit als Treue zum Menschen unter Beweis stellte.
1945 - 2000
Die Wiedereröffnung Marienbergs nach dem Ende des Zweiten
Weltkriegs unter der Leitung der 1941 vertriebenen Ordensschwestern
war auch ein Akt deutlicher Distanzierung von der
nationalsozialistischen Zwischenphase der Schule in städtischer
Trägerschaft. Die folgenden Jahrzehnte bis zur Jahrtausendwende
lassen sich im Rück-blick als ein ständiges Ringen um die Identität
der Schule und ihres Bildungsprofils betrachten.
Zunächst deutet sich das Schulprofil in der Aufnahme des
Unterrichts für die einzelnen Schulzweige an. Das Schulgebäude war
nicht unbeträchtlich bombengeschädigt. Es wird zügig
wiederaufgebaut und in einem Nacheinander der Unterricht wieder
erteilt für den gymnasialen Zweig der Schule ab September 1945, ab
1947 für die in nationalsozialistischer Zeit eingeführte und
geförderte Frauenoberschule und ab 1952 für die Höhere
Handelsschule. In drei Sonderlehrgängen werden bis 1948 69
Schülerinnen zum Abitur geführt, die kriegsbedingt diesen
Schulabschluss nicht erwerben konnten, ihn aber zur Ergreifung
ihres Berufs brauchen. Viele von ihnen sind Heimatvertriebene.
Nach der Katastrophe des NS-Systems ist die Katholizität der
Schule in den 50er Jahren fraglos ein Qualitätsausweis. Darüber
hinaus scheint ihr zugleich Raum gegeben zu werden durch die
Eröffnung eines zweiten Mädchengymnasiums in Neuss, das vornehmlich
im Hinblick auf die nach dem Krieg sehr zahlreichen evangelischen
Schülerinnen eröffnet wird, aber auch deshalb, weil das
Bildungsinteresse der Bevölkerung gewachsen ist und der Andrang auf
Schulen mit höher qualifizierenden Bildungsabschlüssen steigt.
Die Suche nach einer neuen Identität, die die Gesellschaft in
den Jahren der sog. Studentenrevolte in eine tiefe Krise stürzt,
übersteht Marienberg in defensiver Haltung. Danach steht neben den
ständigen Schul-, Bildungs- und Lehrplanreformen die Klärung des
Propriums der Schule an, ihre Katholizität, - nicht zuletzt auch
auf politi-scher Ebene durch das Finanzierungsgesetz für die sog.
Freien Schulen. Auf politischer Ebene wurde diese Frage durch ein
Urteil des Verfassungsgerichtes geklärt.
Die theoretische Erörterung dessen, was konkret im Schulalltag
eine konfessionelle Schule ausmachen solle, bleibt eine ständige
Herausforderung, der man sich von Lehrer-, Eltern- und Schülerseite
stellen muss.
Das Ende der Schulträgerschaft der Schwestern von armen Kinde
Jesus (Januar 1991) führte nicht zu der von vielen Seiten
gefürchteten Schwächung des kirchlichen Profils des Gymnasiums. Zur
Jahrtausendwende zeigt es sich mit klarer christlicher
Orientierung, die von gläubigen Laien beider Konfessionen
getragenen ist, ein katholisches Gymnasium, in dem die Konfessionen
einander in gegenseitiger Achtung begegnen, und insgesamt mit einem
Bildungsprofil, das sehr bewusst sein spezifisch gymnasiales Profil
fördert und richtungsweisend ist.
Sr. Maria Caritas Kreuzer |