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Betrachtung zum neuen Kreuz unserer Kapelle

„Ich glaube, ich rede vor eine Wand!“ – Diese Redewendung mag einem Lehrer manchmal in den Sinn kommen, wenn er vor einer Klasse steht. So könnte eine Schülerin denken, die erfolglos mit einem Lehrer über Noten diskutiert. Wenn wir zum Gebet in die Kirche kommen, reden wir nicht vor eine Wand. Unser Gebet geht nicht ins Leere, sondern wir haben ein lebendiges Gegenüber. Doch auch im Gebet beschleicht vielleicht manchen gelegentlich das Gefühl, vor eine Wand zu reden. Um uns Gott, der in Jesus Christus sichtbar geworden ist, als lebendiges Gegenüber bewußt zu machen, können Bilder eine Hilfe sein. So haben wir längere Zeit nach einem Kreuz für unsere Kapelle gesucht und nun eines gefunden, bei dem der Gekreuzigte auch von der letzten Bank aus zu sehen ist.

Dieses Kreuz ist nicht eigens für unsere Kapelle gemacht worden; und doch passt es in diesem Raum, als sei es nur für ihn geschaffen worden. Dieser Meinung war auch die Stifterin, die sich sehr schnell für dieses Kreuz gefunden hat. Am Fest der Kreuzerhöhung, dem 14. September 1999 wurde es in einem feierlichen Schulgottesdienst gesegnet. Es lohnt sich, sich dieses Kreuz einmal näher anzusehen.

Das Kreuz passt sich in den neugestalteten Raum unserer Kapelle harmonisch ein, weil es alle Farben der von H. Spierling geschaffen Fenster aufgreift. Da es ein österliches Kreuz ist es eine gute Ergänzung zum mittleren Fenster des Altarraumes, das der Künstler ebenfalls als Osterfenster versteht und mit dem es in Farben und Linienführung korrespondiert.

Der 1957 geborene, russische Maler W. Wasin hat bereits mehrfach im holländischen Kloster Egmont ausgestellt, wo wir auch unser Kreuz entdeckt haben. Er verwendet die traditionelle Maltechnik der Ikonen; hält sich allerdings nicht an die dort festgefügten Regeln für die Bildgestaltung.

Wenn Christus auch schmerzverrenkt gezeigt wird, so fehlt der Darstellung doch die Brutalität des Leidens. In der Mitte ist der Kreuzesbalken nicht sichtbar. Der Gekreuzigte scheint wie auf einem Tuch zu liegen. Das Grabtuch des Karsamstags ist aber schon vom Gold durchbrochen. Dieses Kreuz verkündet Christus als den Sieger auf Golgotha, den König auf dem Kreuzesthron, wie es Johannes Chrysostomus einmal formuliert hat: „Ich sehe ihn gekreuzigt und nenne ihn König“.

Die Augen sind geschlossen. Wie auf dem Gero-Kreuz des Kölner Domes ist Christus nicht sterbend zu sehen, sondern er ist bereits gestorben. Es ist der Augenblick des: „Es ist vollbracht!“ (Joh 19,30). Paul Claudel schreibt in seiner Kreuzweg-Betrachtung zur dreizehnten Station, an der Christus vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt wird: „Hier ist das Leiden zu Ende; das Mitleiden dauert noch an“. Bei Claudel kann dieser Satz sowohl auf Christus wie auf Maria als Urbild der Kirche bezogen werden. Er ist eingetaucht in unser Leiden, „mit Krankheit vertraut“ (Jes 53,3). Gleichzeitig leuchtet im Blick auf dieses Kreuz in österlicher Gewissheit auf: „Hier ist das Leiden zu Ende; das Mitleiden dauert an“.

Von Weitem gesehen scheint auf der linken Seite des Gekreuzigten ein roter Fleck auf dem Tuch zu sein. Wenn man nah genug herangeht, erkennt man, dass es sich um eine kleine Gruppe von Frauen handelt. Wasin hat unter dem Kreuz nicht Maria und Johannes sondern die drei Frauen des Ostermorgens gemalt. So spricht dies Kreuz auch zu uns: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist auferstanden. Er geht euch voraus“ (Lk 24, 5f; Mt 28, 7).

Unter den Armen ist der Kreuzesbalken sichtbar, darunter eine Landschaft mit Hügeln im Hintergrund, darüber blauer Himmel. Es ist nicht mehr Nacht, sondern der neue Tag ist bereits angebrochen. Seine Arme hält Christus ausgebreitet über alle Welt. Die orthodoxen Christen bezeichnen eine Stelle der Grabeskirche in Jerusalem als den Nabel der Welt. In einer Verteidigungsschrift des frühen Christentums schreibt der hl. Irenäus: „Es ist selbst das Wort des allmächtigen Gottes, das in unsichtbarer Gegenwart uns allzumal durchdringt, und deshalb umfasst er alle Welt, ihre Breite und Länge, ihre Höhe und Tiefe ... Er ist der, welcher die Höhen, das heißt den Himmel, erhellt und in die Tiefen hinabreicht, an die Grundfesten der Erde; der die Flächen ausbreitet von Morgen bis Abend, und von Norden und Süden die Welten leitet und alles Zerstreute von überallher zusammenruft zur Erkenntnis des Vaters.“

Der Blick auf das neue Kreuz unserer Kapelle ruft uns in Erinnerung: Wenn wir beten, gehen unsere Worte nicht ins Leere. „Hier ist das Leiden zu Ende, das Mitleiden dauert noch an“. Er leidet mit unseren Sorgen mit. Aber auch unser Leid ist schon besiegt. Darum feiern wir vor diesem Kreuz täglich Eucharistie – die Feier der Danksagung.

Die Frauen spiegeln das Gefühl vieler Christen wieder. In der Situation einer kleinen Gruppe ist es ihnen vielleicht eher zum Davonlaufen. Doch von diesem Kreuz aus hören wir: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er geht euch voran. Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“.

Wenn wir beten, haben wir ein lebendiges Gegenüber:

 

Jesus  Jesus

Du stirbst      

Du stirbst verlassen

allein gelassen

am Kreuz hängend  

in Angst und Schmerzen

blutend          

überall

hast alles auf dich genommen       

immer wieder

alles erlitten  

unseren Tod

es ist vollbracht        

meinen Tod

Jesus

Du bist Sieger

in der Ohnmacht des Todes

Dein Tod

ist unser Leben

mein Tod

ist die Vollendung

in Dir

(aus: Margot Bickel, Nahe bei Dir. Freiburg 1991).

Kaplan M. Kürten

Altarkreuz in der Kapelle MarienbergOlaf GruschkaAltarkreuz in der Kapelle Marienberg
 
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