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Abiturrede 2011
des Schulleiters
Josef Burdich, OStD i.K.
 
Liebe Festgäste,
die vielen Umbauten, Brandschutzmaßnahmen, Reparaturen, Verschönerungsarbeiten in unserer Schule, eingeschlossen die Fertigstellung des neuen Forums, haben uns in den letzten Jahren viel Kraft gekostet. Vielerlei Planungen, Beratungen und handfeste Tätigkeiten waren erforderlich und haben mitunter das Schulleben durchaus belastet. Wir dürfen nun froh und dankbar sein, dass sich überall Fortschritte abzeichnen und beträchtliche Erfolge feststellbar sind.
Ihr Jahrgang, liebe Abiturientinnen, ist der erste, der hier im Forum Marienberg die Zeugnisausgabe festlich begeht. Auf dem langen Weg dahin gab es sicher auch für Sie die eine oder andere Erfahrung einer „Baustelle“, auf der noch manches zu tun war. Nun haben Sie Ihr Abitur „gebaut“ und ich gratuliere Ihnen allen im Namen des ganzen Kollegiums von Herzen zu diesem wichtigen Abschnitt. Ebenso beglückwünsche ich Sie, liebe Eltern, die Sie Ihre Töchter liebevoll bis zu diesem bedeutenden Tag begleitet haben.
Bauen und Planen für die Zukunft, das sind wichtige Aspekte, die durchaus ihren Platz in einem pädagogischen Kontext haben. So, wie Bauten immer auch Vorstellungen und Ideen der jeweiligen Gegenwart spiegeln und doch einen Ausgriff auf die Zukunft wagen, verändern sich auch Schulgebäude in ihrem Aussehen; es ist immer aufschlussreich, mit ehemaligen Schülerinnen unserer Schule zu sprechen, wenn sie zu „runden“ Jahrestagen ihres Abiturs hier zu Gast sind und die seit ihrem Abschied eingetretenen Veränderungen kommentieren.
Über Jahrzehnte galt die Grundstücksfassung, gebildet aus ehemaligem Stadtmauerverlauf entlang der Batteriestraße und den historisch nachweisbaren Straßenverläufen von Glockhammer und Rheinstraße bis zum nicht mehr vorhandenen Rheintor als geschlossenes Schulareal, dessen Ausbaupotential ausgeschöpft schien. Wie ein Wunder dünkte es uns allen, als der Stiftung der Vorschlag unterbreitet wurde, mit dem Umbau eines Teils der ehemaligen Cretschmar-Hallen den Brückenschlag in das nicht mehr genutzte Hafenareal zu wagen. Innerhalb kürzester Zeit – die reine Bauzeit umfasste tatsächlich weniger als 12 Monate! – wurde der Umbau des Forums realisiert.
Nehmen wir dies zum Anlass, einige Gedanken zum Thema „Planen und Bauen“ zu entfalten.
Diejenigen unter Ihnen, die in der Qualifikationsphase Latein bis zum Abitur gewählt haben, werden sich sicher an Vergils I. Buch der Äneis erinnern, in dem der Leser erfährt, wie der flüchtige Held mit seinen Gefährten an der libyschen Küste landet und überwältigt ist angesichts der intensiven Bautätigkeit der ihnen damals noch unbekannten Karthager; diese bauen, angeleitet von ihrer charismatischen Königin Dido, an ihrer neuen Stadt, die mit dem Aufführen der Mauern wehrhaft sein soll in einer feindlich gesinnten Umgebung, die aber mit dem Bau eines Hafens gleichfalls Zukunftsperspektiven aufwirft, wenn Handel und kultureller Austausch mit Übersee von vorneherein eingeplant sind. Den Äneaden präsentiert sich in diesem ambitionierten Projekt einer halbfertigen Stadtgründung eine Aufbruchsstimmung, ein Optimismus, der ansteckend wirkt und sie fatalerweise glauben lässt, dass das Schicksal sie deshalb an diesen Ort geführt habe, damit sie sich diesem Bauprojekt anschließen und beigesellen. Wir wissen natürlich, spätestens seitdem wir Purcells Barockoper „Dido and Aeneas“, dargeboten von Schülerinnen unserer Schule Anfang April dieses Jahres, beigewohnt haben, dass Äneas und seine Gefährten einem Irrtum unterlagen und abreisen mussten;  Äneas hat eben einen anderen Auftrag, den wiederum Bauwerke symbolisieren: er soll die hochragenden Mauern Roms errichten, ein Vorhaben, das darauf zielt, ein neues Troja erstehen zu lassen. Sei es in Karthago, wo Dido ihr ehrgeiziges Bauprojekt verfolgt, sei es in Latium, wo die spätere Weltmacht Rom durch die Errichtung der Mauern ihren Anspruch sichtbar macht – erkennbar ist die optimistische Sichtweise des Bauens als eines beflügelnden, begeisternden Vorgangs, der Anspruch und Konzept des Bauherrn zum Ausdruck bringt. Daraus ergibt sich auch: nur der Baumeister und Architekt, der von seinem Konzept überzeugt ist, wird auch Erfolg haben. Als negatives Beispiel mag uns der unglückliche und wenig erfolgreiche Architekt Numerobis aus dem Comic „Asterix und Kleopatra“ dienen, der wenig Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten hegt und deshalb die besonderen Kräfte seiner gallischen Freunde zuhilfe nehmen will.
Ich darf Sie an dieser Stelle mit einem interessanten Zeugnis der Antike bekannt machen, in dem – sehr ungewöhnlich in der Literaturüberlieferung – die Entwicklung eines jungen Menschen, zunächst in der Obhut der Eltern, dann aber bis in die Adoleszenz hinein nachgezeichnet und dabei mit dem Bau eines Hauses und dessen anschließendem Schicksal verglichen wird. Zu finden ist diese Stelle in einer Komödie des altlateinischen Komödiendichters Plautus, der in der Wende vom 3. zum 2. Jahrhundert vor Christus griechische Komödien, vor allem aus Athen, adaptierte und in lateinischer Sprache damit sein römisches Publikum amüsierte, das damals kulturell erheblichen Aufholbedarf hatte. In seiner Mostellaria, übersetzt heißt das „Gespensterkomödie“, ergeht sich zum Anfang der männliche Protagonist namens Philolaches in einem Monolog über seine Situation: Er ist ein junger Lebemann und hat in Abwesenheit seines Vaters, der auf Fernreisen große Handelsgeschäfte macht, das Familienvermögen verschleudert. Ein rauschendes Fest jagt das andere, ja es müssen Schulden bei zwielichtigen Geldverleihern gemacht werden, um den aufwändigen Lebensstil mit Freudinnen und Kumpanen überhaupt noch finanzieren zu können. In der besagten Szene sehen wir Philolaches überraschenderweise sehr selbstkritisch, denn er behauptet, schon lange über seine Situation nachgedacht zu haben. So entdeckt er für sich, dass der Mensch, wenn er ins Leben eintrete, einem Neubau gleiche. Dieses Exemplum lässt der Dichter seinen jugendlichen Helden in etwa 75 Versen ausführlich entfalten: Wenn ein Haus in der Ausführung und auch nach ästhetischen Gesichtspunkten gut gelungen sei, diene es als Vorbild und jeder wolle es kopieren. Jedoch komme es nach der Fertigstellung des Neubaus auf denjenigen an, der das Haus bezieht. Ist es ein Taugenichts, so ist bald der Wurm drin. Bei einem Sturm gehen schon einmal Dachziegeln zu Bruch. Wenn der Herr sich nicht drum kümmert, wird es beim nächsten Unwetter hineinregnen; irgendwann faulen die Balken und dann ist es auch nicht mehr weit, bis das Dach oder sogar die Mauern einstürzen. Irgendwann stellt sich die Frage, ob man alles abreißen und von Neuem beginnen soll. Dieses Schicksal eines zunächst vorbildlichen Hauses bis zum unrühmlichen Niedergang überträgt nun Philolaches bzw. der Autor Plautus in einem kühnen Unterfangen Vers für Vers auf die Entwicklung eines Menschen: Die Eltern werden nun als die Baumeister des Kindes apostrophiert, die das Fundament legen, indem sie ihrer Fürsorgepflicht ebenso nachkommen wie sie durch Erziehung und Ausbildungsangebote das Kind auf die Zukunft vorbereiten; dabei wird auch der materielle Aufwand nicht unerwähnt gelassen. Philolaches gesteht für sich ein, dass bis dahin auch in seinem Leben alles in guter Ordnung gewesen sei, eben, solange er unter der Fuchtel der Baumeister, also des Elternhauses stand. Aber mit der Selbstständigkeit, dem Erwachsensein habe sich bei ihm unmerklich ein Wandel vollzogen, den er an einer gewissen Trägheit festmacht; diese sei für ihn der Sturm und das Unwetter gewesen, die andere Einflüsse wie Regen und Graupelschauer in sein Haus eindringen ließen. Moralische Prinzipien und gute Eigenschaften sind bald dahin. Dann sei noch eine Liebesaffäre dazugekommen, die das inzwischen morsche Haus durchdrungen habe; in deren Gefolge habe er Schulden gemacht. Fazit:
Nun fliehen Hab und Gut, mein Ruf und Ehrenwort,
die Tugend, Ansehn, gleich auf einmal fort. (Plaut. Most. 144f.)
Philolaches steht vor einem Scherbenhaufen. Einstmals ein Vorzeigejüngling mit gesellschaftlichen Ambitionen und sportlichen Erfolgen, sieht er seinen Absturz:
         Beim Zeus, mir faulen schon die Balken an,
         es gibt, scheint’s, nichts, wie ich dies Haus noch retten kann.
                                                                           (Plaut. Most. 146f.)
Nun, es handelt sich um eine Komödie, und spätestens beim Anblick der schönen Geliebten, die Philolaches bereits in der Folgeszene beim Baden ertappt, sind all die reumütigen Überlegungen dahin und vergessen; der gewagte Vergleich von Hauserrichtung und Erziehung entpuppt sich für einen nachdenklichen Zuschauer als freche Persiflage auf altehrwürdige römische Erziehungsvorstellungen, wie sie z.B. der berühmtberüchtigte alte Cato propagierte.
In der Bildlichkeit, die Plautus hier seinen Protagonisten entfalten lässt, vollzieht sich eine Verschiebung vom Bauvorgang zum Erhalt der Bausubstanz. Der junge Mann gesteht, dass er es an der sorgfältigen Pflege der Substanz habe fehlen lassen. Die Erstellung des Hauses betrachtet er als Leistung seiner Eltern, die in vorbildlicher Weise alles für die Solidität eines ansehnlichen Baus getan haben. Wer junge Menschen begleitet – Eltern, Lehrer, viele andere an der Erziehung Beteiligte -, wird sich eingestehen, dass in diesen Prozess immer eigene Wertvorstellungen und Konzepte eingehen, die ähnlich projektiven Charakter haben wie die Errichtung eines Gebäudes. Maßnahmen der Umgestaltung seitens der Bewohner werden da nicht immer freudig begrüßt, oft erklingt die Warnung vor verbauten Chancen.
Warum ist uns das Bauen so wichtig? Kulturhistorisch gesehen ist das Bauen eine der entscheidendsten Meilensteine in der Menschheitsgeschichte, betrifft es doch die Sesshaftwerdung und dann das Vorausschauen und Antizipieren von unterschiedlichsten Unwägbarkeiten und möglichen Gefahren bzw. deren Vermeidung. Hier zeigt der Mensch seine kreativsten Fähigkeiten, unter anderem auch wenn er seine ästhetischen Vorstellungen verwirklicht.
Alles Planen und Bauen ist jedoch umsonst, wenn bereits am Anfang grundsätzliche Fehler gemacht werden. Mit dem Wort „grundlegen“ wird bereits ein in der Alltagssprache geläufiger Bezug zum Vorgang der Fundamentierung erkennbar, der entscheidend für die Stabilität des Baus ist. Töricht erscheint es uns, sein Haus auf Sand und nicht auf festem Grund zu bauen. Jedoch dieses biblische Zeugnis, das wir in einer Rede Jesu an seine Jünger bei Matthäus finden, hebt natürlich auf den Grund ab, der unserem Leben Halt geben soll:
Wer diese meine Worte hört und sie befolgt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Felsen baute. Als nun der Regen niederstürzte, die Bäche anschwollen und die Winde heranbrausten und gegen das Haus prallten, brach es nicht zusammen; denn es war auf Felsen gebaut. Wer aber meine Worte hört und nicht befolgt, gleicht einem törichten Mann, der sein Wort auf Sand baute. Als nun der Regen niederstürzte, die Bäche anschwollen und die Winde heranbrausten und gegen das Haus prallten, da stürzte es ein und der Schaden war groß. (Mt 7,24-27)
Gegenüber der Plautusstelle wird uns mit Jesu Verweis auf seine Worte, seine Lehre klar ein ganz bestimmtes Fundament empfohlen. Die Naturgewalten, denen der Mensch in der Antike meist hilflos gegenüberstand und über die wir heute nur in scheinbarer oder trügerischer Weise Herr zu sein glauben, diese Naturgewalten werden von Jesus auch als äußere Einflüsse, die Schaden anrichten können, gesehen. Die Bewährung kommt erst mit der Auseinandersetzung mit diesen. Dann ist es wichtig, unterscheiden gelernt zu haben, bei Matthäus ausgedrückt in der Gegenüberstellung von Klugheit und Torheit.
Zum Vorstellungsbereich des Bauens gehört auch ein Bild, das der Apostel Paulus im Epheserbrief entfaltet, um das Leben in der Nachfolge Christi in einen größeren Zusammenhang einzuordnen und seine Perspektive zu bestimmen. Dort heißt es:
So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf dem Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. (Eph 2, 19-21)
Das Bild, das Paulus verwendet, weist jedem Menschen einen ehrenvollen Platz in einem harmonisch gefügten Ganzen zu. Die froh machende Botschaft von der Erlösung ist die Basis für ein gelingendes Zusammenleben, sie ermutigt uns, unsere Tragfähigkeit anderen zur Verfügung zu stellen und uns am Wachsen eines Baus zu beteiligen, dessen Ausrichtung Christus selbst bestimmt.
Ich wünsche Ihnen, dass diese Gewissheit auch Ihr weiteres Leben bestimmt. Mögen Sie sich dieses Fundaments bewusst bleiben bei allen Stürmen, denen Sie noch trotzen müssen. Generationen von Schülerinnen vor Ihnen legen davon ebenso Zeugnis ab wie Ihre Eltern und Lehrer.
So wünsche ich Ihnen Gottes Segen und alles Gute bei all Ihren „Bauvorhaben“!
 
Benutzte Literatur:
P. Vergili Maronis opera, rec. R.A.B. Mynors, Oxford repr. 1976
F. Klingner, Virgil, Zürich-Stuttgart 1966
T. Macci Plauti comoediae, rec. W.M. Lindsay, tom. II, Oxford repr. 1974
Plautus, Mostellaria – Gespensterkomödie, übers. u. eingel. von W. Hofmann, München 1979
E.W. Leach, De exemplo meo ipse aedificato: an organizing Idea in the Mostellaria, in: Hermes 97, 1969, S.318-332
H. Marrou, Geschichte der Erziehung im klassischen Altertum, hg. Von R. Harder, 1957
H. Krefeld, Res Romanae. Neue Ausgabe, Berlin 1996
W. Jaeger, Paideia, Die Formung des griechischen Menschen, 3 Bde., Berlin 3. Aufl. 1959

Goscinny/Uderzo, Asterix et Cleopatra, in Lat. conv. Rubricastellanus, Stuttgart 1980

 
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