Von einer Residenz zur Klosterschule


 

Wo Königin Sophie von Schweden ausgangs des 19. Jahrhunderts für jeweils etliche Wochen ihr Haupt bettete, wird seit einhundert Jahren eifrig gelernt. In der Villa Thelen residierte die Majestät aus dem hohen Norden gleich mehrfach, nämlich 1896, 1897 und 1898, als sie in Honnef die Sommerfrische genoss. Hier empfing sieden Bürgermeister und andere Honoratioren der Stadt, und unter den alten Bäumen im Park wandelte sie mit ihren Besuchern, die nicht selten ebenfalls königlichen Geblüts waren.

 


 

 

Die Thelensche Besitzung an der Bismarckstraße war es, die die Generaloberin der Franziskanerinnen von Nonnenwerth, Mutter Ludmilla Birckman, aussuchte, um dort das St. Joseph-Kloster zu gründen. Für 130 000 Mark ging der 1886/87 errichtete Besitz in das Eigentum der Franziskanerinnen über. Am 15. Oktober 1900 war es soweit. Ein lang gehegter Wunsch erfüllte sich damit. Bisher hatten Honnefer Eltern keine Möglichkeit, ihre Töchter eine Höhere Schule besuchen zu lassen, es sei denn, sie hätten strapaziöse Bahnfahrten in Kauf genommen. Auch die Geistlichkeit konnte die Klagen der Eltern nachvollziehen; sie hatte sich demzufolge an die Schwestern von Nonnenwerth gewandt mit der Bitte, der Not Abhilfe zu schaffen. Die Generaloberin überlegte und erkannte jedoch eines: Allein mit Honnefer jungen Damen würde sich die Schule nicht halten können. Sie erwog daraufhin die Einrichtung eines Internates: Die Kloster-Chefin könnte heute sicher eine passable PR-Managerin sein. Sie setzte auf die günstige Lage und die klimatischen Vorzüge, die ihrer Ansicht nach Schülerinnen ins rheinische Nizza ziehen könnten. Und der Plan ging auf.

 


 

 

26 Mädchen waren bei der Gründungsfeier am Vormittag zu Gast, und bereits am Nachmittag begann der Unterricht. Die Vorsteherin, Schwester Maria Clementina Woiff, und Schwester Elisabeth Kohlmann übernahmen je eine Klasse mit mehreren Jahrgängen. Handarbeits- und Musikunterricht erteilte Schwester Gisela Hättemer. Ein bescheidener Anfang. Aber bereits das kommende Jahr brachte die Errichtung einer weiteren Klasse, denn 56 Schülerinnen wurden mittlerweile gezählt. Im Internat waren immerhin acht Zöglinge untergebracht. Ziemlich eng wurde es in der Villa Thelen, als 1902 eine Handarbeitsschule, die sogenannte Industrieschule, eröffnet wurde. 15 bis zwanzig junge Mädchen kamen im Sommer, und im Winter sogar dreißig aus Honnef zu diesem Unterricht. Die Höhere Mädchenschule wurde aufgestockt. Und so erwarben die Schwestern die in unmittelbarer Nähe gelegene Villa Dix, die später einmal Ordensfrauen als Altersheim dienen sollte und seit einigen Jahren Begegnungsstätte ist, hinzu. Was die Sache nicht einfacher machte. Da sich Klassen- und Studienräume, Übungszimmer und Schlafstätten auf zwei Häuser verteilten, wurde die Arbeit für die Schwestern noch härter. Zwar gab die Generaloberin ihre Einwilligung zum Ausbau des Gebäudes, Geld hingegen zunächst nicht.

 


 

 

 


 

 

Die Franziskanerinnen hatten dafür keins. Dennoch waren die Lehrkräfte mit Feuereifer bei der Sache.Sie förderten sich durch regelmäßige Proben gegenseitig. Für die Übungen in englischer und französischer Umgangssprache wurden sogar Ausländerinnen angestellt. Kein Wunder, wenn die Schulkommission bei Inspektionen zufrieden war mit St. Joseph. Als 1907 mehrere Aspirantinnen wegen Platzmangels abgewiesen werden mussten, wurde dann doch ernst gemacht mit der Vergrößerung des eigenen „Nestes": Genau am siebenten Geburtstag von St. Joseph legte Pastor Daniels dafür den Grundstein - im feierlichen Rahmen, versteht sich. Bereits am 12. Dezember konnte der Flügel an der Bismarckstraße, der nun die Schulräume umfasste, bezogen werden. Es ging bergauf. 1909 waren es 114 Schülerinnen und zehn aufsteigende Klassen im St. Joseph. Ein Jahr später kam die Ordensgemeinschaft dem Begehren Honnefer Familien nach und richtete eine Koch- und Haushaltungsschule ein. Ein Physikzimmer im Jahre 1913, ein neuer Spielplatz kurz darauf. 1914 war es geschafft: Die Anstalt entsprach allen Anforderungen eines Lyzeums. Die Anerkennung ließ nach einer Revision nicht auf sich warten. Die staatliche Anerkennung wurde nebenbei bemerkt 1929 ausgesprochen. Aber zurück ins Jahr 1914. Alles schien auf dem besten Weg.

Da wurde der Erste Weltkrieg angezettelt. Wegen der Mobilmachung brachen die Zöglinge vorzeitig in die Ferien auf. Der Fortbestand von St. Joseph wurde ernstlich in Frage gestellt. Denn einige Räume mussten der Militärbehörde überlassen werden. Sie dienten nun als Lazarett. Schon am l. September 1914 wurden zwanzig Verwundete der Pflege der Schwestern anvertraut. Und dennoch: Bereits 1916 stieg die Zahl der Schülerinnen auf 208, von denen 103 im Hause lebten. Zu Ostern 1917 kam trotz Kriegswirren und wirtschaftlicher Not die Einjährige Frauenschule zustande - übrigens wurden nun auch evangelische Christen aufgenommen. Als Übungsschule diente ihnen ab Herbst ein Kindergarten mit vier Krippengruppen für Drei- bis Sechsjährige. Später wurde sogar eine Säuglingsstation eingerichtet: Verließen die Frauenschülerinnen St. Joseph waren sie nun auch fit in der Kleinkinderpflege. 1919 wurde das Lazarett, in dem bis dahin weit über tausend Verwundete gepflegt worden waren, aufgelöst. Wie dankbar die Soldaten für die liebevolle Betreuung - die Schülerinnen richteten den Verwundeten Weihnachtsfeiern aus und sangen für sie - waren, zeigt ein kleines Beispiel: Ein einfacher Arbeiter aus Leipzig kam im Mai 1925 ins St. Joseph-Kloster, um hier die silberne Hochzeit mit seiner Frau zu verleben und das Haus und die Schwestern wiederzusehen. Das Geld für die Fahrt hatte er sich in vielen Monaten abgespart. Die Nachkriegszeit forderte dann noch einmal alle Kräfte.

 


 

 

Aber 1925 konnte an der Schule das 25-jährige Jubiläum begangen werden. Und alle waren zufrieden mit dem Erreichten. Streng ging es zu in jenen Jahren. Aber dennoch: Die Erinnerungen, die überliefert wurden, sind glücklicher Natur. Französisch war damals erste Fremdsprache. Deutsch, Mathematik, Erdkunde und Geschichte wurden gelehrt. Strenges Stillschweigen musste in den Handarbeitsstunden gewahrt werden. Umso lebendiger ging es beim Turnen zu. Da, wo sich heute die Aula befindet, war die Sporthalle eingerichtet mit Barren, Sprossenwand und Klettergerüst. Bevor der Unterricht begann, wurde zur heiligen Messe geläutet. Eingefahrene Spielregeln auch am Nachmittag. Dem Mittagessen folgten ein etwa dreißigminütiger Spaziergang und ein Silentium eineinhalb Stunden lang. Dem Klavierunterricht, ihren Handarbeiten und auch Spielen durften sich die Mädchen anschließend widmen. Der Renner von damals: das Völkerballspiel. Abendessen und die Abendandacht vervollständigten den Tag, ehe spätestens 21 Uhr das Licht ausging - für die Internatsschüler natürlich nur.

 


 

 

Bis zur Osterversetzung 1933 gab es keinerlei Anzeichen einer auch nur atmosphärischen Veränderung angesichts der „neuen Zeit". Damals existierten 13 Klassen aller drei Schularten - des Lyzeums, der Frauenschule und der Frauenoberschule - mit 143 Schülerinnen und einem fünfköpfigen Elternbeirat. Aber das änderte sich schnell. Die NS-Machthaber stellten ihre Forderungen. In die Erziehungsarbeit mussten nun Reichsparteitagsfilme, NS-Jugend-Filme, politische Schulungskurse außer Haus, Übertragungen von Hitlerreden und Gedenkstunden zu Führers Geburtstag einfließen. Die Ordensschule suchte eine Nische, widmete sich sozialen Aufgaben, spendete für das Winterhilfswerk oder auch für die Deutsche Koloniale Gesellschaft. So wurden beispielsweise im Schuljahr 1935/36 181 selbstgefertigte Textilteile bei der Ortsgruppe Honnef für Bedürftige abgegeben. Es half nichts, die Schülerzahlen nahmen ab.

 


 

 

Und 1936 traf in St. Joseph die Anordnung ein, zu Ostern 1937 mit dem Abbau der Schule zu beginnen. Ohnehin : Schon 1934 war die Zahlung des Staatszuschusses eingestellt worden. Die Bezeichnungen Lyzeum und Dreijährige Frauenoberschule waren aufgehoben worden. Nun war es die „St. Joseph-Schule".