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13 | 12 | 2017

Termine

"Belfast Metropolitan Symposium" - St.-Ursula-Berufskolleg mit europäischer Perspektive

Soziales Engagement und dessen Auswirkung auf Unterricht und Gesellschaft stand im Mittelpunkt eines internationalen Symposiums in Belfast, an dem seitens des St-Ursula-Berufskollegs die Lehrer Roland Freund und Andreas Prokopf sowie die Schüler Fadi Chalo und Gabriel aus der Wiesche teilnahmen. Dozenten des Belfast Metropolitan Colleges hatten eingeladen, die Auswirkungen von Unterrichtsformaten außerhalb des formalen Rahmens eines Colleges auf die Ausbildung von Studierenden zu diskutieren. "Kompetenzerweiterung von angehenden Erzieherinnen und Erziehern durch Austausch zu sozialem Engagement als Teil der Ausbildung während internationaler Praktika" war dann auch das über Erasmus Plus geförderte Thema, zu denen unsere Schüler und Lehrer berichten konnten. Folgende Diskussionspunkte stellten sich am Ende einer fünfstündigen Veranstaltung heraus:

In Belfast gehen Digitalisierung und spielerisch-experimentelle Unterrichtformen Hand in Hand.

Dies ist möglich, weil formale und informelle Aspekte die Curriculumgestaltung wechselseitig durchdringen.

Dies fördert eine gute Beziehungsebene unter Studierenden und von Dozenten zu Studierenden, was besonders für projektbasiertes Lernen gilt. Dieses ist besonders in praktischer Sozialarbeit angesiedelt, die den historischen Kontext von Belfast berücksichtigt. Besonders der historische Kontext von Nordirland und Belfast insbesondere hat die Verantwortlichen in Belfast zu solch einem lebensnahen Lernen veranlasst.  Der inklusive und integrative Ansatz dieser Projekte fördert die „Employability“ und die Internationalisierung des Belfast MET. Und hier spielt neben unseren Partnern vom Ignatianum in Krakau (PL), das durch Malgorzata Alberska vertreten war, auch das St. Ursula Berufskolleg eine Rolle, denn all die genannten Punkte spielen bei der Schulentwicklung unseres Düsseldorfer Berufskollegs eine Rolle. Zu den Einzelheiten:

 

Curriculum Manager Stuart Dickinson stellte zu Beginn der Veranstaltung die Hochschule MET und dort besonders seine Abteilung „Childhood Studies“ vor. Soziales Engagement ist dort einerseits ein Mittel, um die Studierenden untereinander zu sozialisieren und lebensnahes, kompetenzgestütztes Lernen in der Praxis zu ermöglichen. Des Weiteren werden durch viele Kooperationen mit gesellschaftlichen Gruppen (Kinder mit besonderem Förderbedarf,  Irish Travellers etc.) Werte wie Gemeinschaft, Solidarität und Empathie eingeübt. Bedingt durch die „troubles“ in der jüngsten Geschichte der Stadt Belfast ist dies hier sehr nötig, um religiöse, geschlechtliche sowie gesellschaftliche Diversitäten miteinander ins Gespräch zu bringen. All dies soll in ein Curriculum einfließen, das sowohl für zukünftige Professionelle im sozialen Feld als auch für angehende Wissenschaftler fruchtbar sein soll. Belfast MET  bietet besonders den nicht privilegierten, bildungsfernen Gruppen die Möglichkeit, Qualifikationen unterschiedlichster Art kleinschrittig zu absolvieren: Neben grundständiger Ausbildung gibt es sogar eine Durchlässigkeit hin zur Universität.

 

MarryCoffey, „EqualityandGood Relations Officer“ an der MET,  erweiterte diese Perspektive mit Ihrem Einblick in die Sozialarbeit in Belfast. Sie hob die besondere Bedeutung des Colleges in Bezug auf „Diversity“ hervor: In Belfast treffen verschiedene kulturelle, politische und religiöse Lebenswelten aufeinander: Der Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken, unterschiedliche Herkunftsbiografien (IrishTravellers, Roma etc.), Rollen- und Geschlechterkonflikte: Für all diese Brennpunkte war das MET immer ein offener Ort: Über Bildung und Wissenschaft hat sie viele Projekte zur Überwindung von Ablehnung und Hass in die Wege geleitet. Bildung und Wissenschaft werden hier aber auch in besonders lebensnaher Form (Projekte, Kooperationen, Workshops, Charity, Eigenaktivität von Studierenden) dargeboten.

Andreas Prokopf (Koordination Auslandspraktika) und Roland Freund (Bildungsgangleiter Fachschule für Sozialpädagogik)  berichteten von Aktivitäten am St.-Ursula-Berufskolleg, wo soziales Engagement und kompetenzorientiertes Lernen Hand in Hand gehen.

Wöchentlich suchen wir in Düsseldorf im Vertiefungsbereich beziehungsweise Differenzierungskurs mit  an der Flüchtlingsthematik interessierten angehenden Erzieher/innen nach Wegen, die Flüchtlingsfrage nicht nur religionspädagogisch (biblisch, politisch, sozialethisch) sowie im Rahmen der interkulturellen Pädagogik zu besprechen, sondern auch praktische Begegnungs- und Unterstützungsarbeit zu leisten. Im Laufe des Schuljahres haben sich Aktivitäten im Bereich pädagogische Begleitung, Spiel und Sport sowie Sprachvermittlung mit Flüchtlingen etabliert. Wöchentlich machen sich darüber hinaus jeweils 2-3- Schülerinnen und Schüler auf, um geflüchteten Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen. Im Berufspraktikum bieten wir regelmäßig Veranstaltungen zum Thema Flüchtlingsarbeit an: Gemeinsame Begegnungen von Geflüchteten aus unserer Integrativen Klasse und Studierenden sowie gemeinsame kreative Arbeiten sind das Ergebnis.

Dies ist nur durch Kooperation mit gesellschaftlichen Partner möglich (Caritas, Diakonie, Gewerkschaften). Bei den Begegnungstreffen wird gemeinsam gespielt, gekocht, gegessen und gesprochen. Bei den Gesprächen geht es um das Leben der Flüchtlinge in ihrer alten und in ihrer neuen Heimat (Bleiberecht, Schule und Ausbildung, Beruf, Wohnen, Gesundheit). Sprachmittler helfen bei der Verständigung.

Diese Treffen müssen vorbereitet und koordiniert werden und erfordern ein hohes Maß an Sozial- und Fachkompetenz, was gegenwärtig besonders die Studierenden der PIA 17 Klassen im Vertiefungsbereich IKP an den Tag legen.  Damit leisten die Studierenden eine kreative und durchaus intrinsisch motivierte Transferleistung vom formalen zum informellen Lernen: Was in Unterrichtsbezügen erarbeitet wurde (kulturelle Sensibilisierung, Bedeutung von Kulturverständnis) wird im Rahmen eines „somalischen Abends“ nun konkret umgesetzt.

Unsere Studieren Gabriel aus der Wiesche und Fadi Chalo absolvieren gerade ein über unser Erasmus Projekt  finanziertes Praktikum an der St. Mary‘s Primary School in Belfast, wo sie in erster Linie mit Kindern der sog. Irish Travellers zu tun haben. Neben der pädagogischen Begleitung der Kinder haben sie ein grundständiges Praktikum zu absolvieren, zu dem auch eine Projektarbeit (Lehrerbesuch am 30.11.17 (Freund/Prokopf)) sowie ein aktiver Austausch zu sozialem Engagement auf dem Symposium gehört. Hier sprachen sie davon, dass ihnen in St. Mary‘s ungewohnte Rollenbilder, überraschender Umgang mit Gewalt und Bildung entgegentreten. Sie haben es mit Kindern zu tun, die in Familien groß werden, die im Sinne des Wortes auf Wanderschaft sind. Kontinuierlicher Besuch der Schule ist keine Selbstverständlichkeit, sondern die Ausnahme. Dennoch schafft es die Schule mit großem Erfolg, über Beziehungsarbeit und ein Belohnungssystem viele Kinder an sich zu binden. Das hat Erfolg, weil die die Pädagogen an St. Mary‘s sich ganz auf die Bedürfnisse und Lebenswirklichkeit Ihres Klientels einstellen. Herr Chalo berichtete zu einer paradoxen Beobachtung: Die Schüler hätten Autorität und Struktur sehr nötig, um zu lernen. In Düsseldorf habe er in der Ausbildung gelernt, Interessen und Bedürfnisse der Kinder erst einmal zu beobachten. Die Kinder in St. Mary‘s hingegen müssen laut ihm erst einmal eine Struktur erfahren und in diese sozialisiert werden, um lernen zu können. Herr aus der Wiesche machte jedoch die Erfahrung, dass genau diese Kinder in seiner Projektgruppe sehr schnell ein Projektthema fanden: Sie wollten Deutsch lernen, und das machen sie in den Einheiten mit erstaunlicher Konsequenz und Energie. Dadurch erfährt Herr aus der Wiesche eine Bestärkung in seiner pädagogischen Haltung. Beide Studierenden verglichen auf dem Symposium ihre Erfahrungen mit freiwilligem Engagement in Düsseldorf (Flüchtlingsarbeit) mit denen in Belfast: Sie stellten fest, dass sowohl an der MET als auch am St.-Ursula-Berufskolleg Lernen in anderen pädagogischen Kontexten und Lebenswelten fruchtbar und bereichernd ist.

Alle Beteiligten äußerten nach diesem ersten von drei Symposien, dass es viele pädagogische und methodische Gemeinsamkeiten in Belfast, Krakau und Düsseldorf gibt. Bei allen organisatorischen und kulturellen Unterschieden überwiegt die Zuversicht, dass die projektbasierte Beteiligung von Studierenden an Lernprozessen im Bereich des sozialen Engagements sowohl für das soziale Klima als auch für die Lernerfolge von Studierenden ein Gewinn ist. Diesen Prozess zu weiterer Lebensweltorientierung wollen alle Beteiligten nach Möglichkeit weiter verfolgen und sich gerade durch den europäischen Kontakt über Erasmus Plus auf weiteren Symposion (Krakau 2018 und Düsseldorf 2018) weiter begleiten. Eine entscheidende Rolle werden dabei immer wieder die Düsseldorfer Praktikanten spielen, die diese internationalen Szenarien in Belfast, Krakau, Warschau, Pilsen, Prag und künftig auch in Brüssel hautnah erleben und kommentieren werden. Im Hintergrund vereinbarten die Kollegen aus Belfast, Düsseldorf und Krakau schon jetzt einen Austausch ihrer Curricula und möglicher Unterrichtseinheiten. Eine strategische Partnerschaft der beteiligten (Hoch)-schulen rückt damit in den Fokus.

 

Andreas Prokopf, Roland Freund 2. Dezember 2017 in Belfast

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