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Neuss liest

Im Rahmen der Kooperation des Gymnasiums Marienberg mit der Stadtbücherei Neuss...

Neuss liest

Im Rahmen der Kooperation des Gymnasiums Marienberg mit der Stadtbücherei Neuss hatten Schülerinnen aus den Deutsch-Leistungskursen der Jahrgangsstufe Q1 am 11. Novemberg 2019 die Möglichkeit, in der Stadtbibliothek ein ausführliches Werkstattgespräch mit der Autorin Karin Duve zu führen. Das Neusser Lesefestival „Neuss liest“ (10.10.-10.11.2019), das nunmehr seit zehn Jahren stattfindet und von der Stadtbibliothek bzw. in den letzten Jahren von Frau Christine Breitschopf organisiert wird, bietet Marienberg Schülerinnen einmal im Jahr die Möglichkeit, Schriftsteller/Innen im Rahmen einer Autorenlesung persönlich kennen zu lernen und sich ausführlich mit ihnen zu unterhalten.

 

Am Abend zuvor, am 10.10.2019, besuchten die Deutschlehrerinnen, Frau Dohmessen, Frau Mohren und Frau Niederhagen (Frau Ahlfs als Fachlehrerin eines der Leistungskurse befand sich zu dieser Zeit in Frankreich) die Auftaktveranstaltung in der Stadtbibliothek und konnten sich auf diesem Wege schon einmal einen Eindruck von Frau Duve, ihrer Arbeit und ihrer Biographie machen. Karen Duve las aus ihrem aktuellen Buch "Fräulein Nettes kurzer Sommer", das auch im Mittelpunkt des Lesefestivals steht. Auf Wunsch von Frau Duve moderierte Alexander Solloch (NDR Kultur) den Abend und die Veranstaltung wurde musikalisch durch die Harfenistin Ivana Mehlem begleitet. Die Kulturdezernentin Dr. Christiane Zangs eröffnete die Veranstaltung im Namen von Bürgermeister Reiner Breuer, dem Schirmherrn des Festivals. Der wunderbare Abend mit einer bodenständigen, entspannten, offenen und humorvollen Karen Duve setzte sich auch am nächsten Tag fort: Nach einer ersten freundlichen Begrüßung rückte Frau Duve ihren Stuhl erst einmal von dem kleinen Podest in dem Raum herunter und näher an die Schülerinnen heran, um diese räumliche  Distanz  zu überbrücken und den noch schüchternen Schülerinnen auf diese Weise „auf Augenhöhe“ begegnen zu können. Diese Nähe stellte sich im Laufe des Gesprächs immer mehr ein, denn Karen Duve erzählte locker, frei und offen über ihr Leben, ihr Schreiben und die Schwierigkeiten, Schriftstellerin zu werden, zu sein und zu bleiben.

 

So war Frau Duves Weg zur Schriftstellerin kein geradliniger oder einfacher – sie begann eine Ausbildung zur Finanzbeamtin und fuhr 13 Jahre lang Taxi in Hamburg. Die Schülerinnen interessierten sich sehr dafür, wie sie ihren Weg fand, denn obgleich ihre Eltern glaubten, dass sie „nebenbei“ schreiben solle, aber doch nicht ernsthaft, so sind sie heute stolz auf sie und haben ihre Entscheidung hauptberuflich als Schriftstellerin zu arbeiten akzeptiert.

Auch wenn sie als junge Frau zuerst „unorientiert“ war, war ihr Drang zu Schreiben stark und somit das Endziel der Schriftstellerei unausweichlich. Sie wusste immer schon, dass sie kreativ sein wollte, sich selbst ausdrücken und für sich allein arbeiten wollte, denn hier „quatscht einem keiner rein“. Als Schriftstellerin habe sie außerdem die Gelegenheit nicht nur ihr eigenes, sondern auch das Leben anderer zu leben. Im Rückblick hatte sie leider erst sehr spät Erfolg, da sie wenig geschickt war und es lange dauerte, bis sie im „Kulturlotto“ Anerkennung und finanziellen Ausgleich fand.

Ihre Arbeit an dem Roman "Fräulein Nettes kurzer Sommer" umfasste insgesamt 5 Jahre des Recherchierens, Forschens, Lesens und Schreibens. Ihr Interesse an Annette von Droste-Hülshoff und der spannenden Geschichte um die Beziehung Annettes zu zwei Männern ist viel Spekulation und doch genau recherchiert. So sah die Situation der Frau zur Zeit der Romantik ganz anders aus: Frauen hatten nicht die gleichen Rechte, sie sollten klug, kultiviert, gebildet und intelligent sein, aber nicht zu viel davon bzw. sollten sie keinen Ehrgeiz entwickeln. Frauen standen unter enormem Druck und wurden „klein gehalten“ und „gebrochen“. Annette von Droste-Hülshoff erlebte all dies in ähnlicher Weise und empfand sich, wie es Frau Duve beschreibt, als „unorientiert“. In ihrem Roman zeigt Frau Duve eine Annette, die immer selbst die Verantwortung übernimmt und sich gemäß ihrer Zeit schuldig fühlt.

 

Was braucht es, um beruflich und in der Hauptsache, eben ernsthaft, zu schreiben? Das sei Durchhaltevermögen und ein gewisses Geschick und sie riet den Schülerinnen, hinzuschauen, wo ihre Interessen und Leidenschaften liegen, und Mut zum Ausprobieren zu haben. Einen Plan B habe sie nicht und daher sei ihr Ziel, sich mit Preisgeld oder dem Geld, das sie für ein Buch bekommt, Zeit zu kaufen, um wieder neu arbeiten und schreiben zu können.

Die Schülerinnen wollten auch wissen, was das Schwierigste an ihrer Arbeit sei und da nannte sie die Einsamkeit, die „Isohaft“, in der man arbeite, daher auch in ihrem Buch der Dank an die Nachbarin, die immer wieder vorbei kam und sagte „so geht das aber nicht“ und sie versorgte und sich um sie kümmerte. Ebenso schwierig seien neben der finanziellen Not im langen Arbeitsprozess die Kritik am Werk und die Hürden, die es zu überwinden gilt. Die erste Hürde sei, ob man überhaupt mit seinem Werk wahrgenommen werde. Die zweite Hürde sei, wie darüber gesprochen werde. Jede Art von Kritik, ob zu Recht oder zu Unrecht, sei immer schlimm, denn hier gehe es um einen selbst, hier sei etwas mit Leidenschaft entstanden und treffe den Autor elementar in seinem Inneren.

 

Eine Schülerin meinte später, dass sie es gerne gehabt hätte, wenn Frau Duve aus ihrem Buch ein Stück vorgelesen hätte. Wir hätten alle noch länger bleiben und noch weiter zuhören können.

 

Text, Organisation und Fotos: H. Niederhagen

 

Lesen Sie eine oder zwei Rezensionen zum Werk unter

www.zeit.de/2019/03/fraeulein-nettes-kurzer-sommer-karen-duve-roman

www.deutschlandfunkkultur.de/karen-duve-fraeulein-nettes-kurzer-sommer-die-zerrissenheit

 

Luzie Brings, eine Schülerin aus einem der aktuellen Deutsch-Leistungskurse an Marienberg, berichtet von ihren Impressionen aus dem Werkstattgespräch mit Karin Duve:

 

„Fräulein Nettes kurzer Sommer“ - Werkstattgespräch mit Karen Duve

Am 11. Oktober 2019 trafen sich die Deutschleistungskurse von Frau Dohmessen und Frau Ahlfs aus der Q1 mit der deutschen Schriftstellerin Karen Duve in der Neusser Stadtbibliothek zu einem Werkstattgespräch. Hier durften wir Schülerinnen Frau Duve Fragen zu ihrem kürzlich verfassten Buch „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ sowie zu ihrem Leben als Schriftstellerin stellen.

Karen Duve, geboren am 16.11.1961 in Hamburg, ist seit 1996 freie Autorin und Korrektorin und hat bis jetzt bereits 16 Bücher veröffentlicht, wovon einige sogar in 10-14 Sprachen übersetzt wurden. Ihr zuletzt veröffentlichtes Buch „Nettes kurzer Sommer“ erzählt von dem Leben der berühmten Dichterin Annette von Droste Hülshoff, an dem Duve drei Jahre lang schrieb, wobei die meiste Zeit davon allerdings Recherche gewesen sei und mit einem Kauf von ca. 300 Büchern zu diesem Thema endete. Duve verglich das Schreiben über Von Droste Hülshoffs Leben wie mit einem Krimi: Zuerst müsse man sich die Frage stellen, was zu der Zeit der Dichterin alles passiert sei, dann müssten Charakterprofile zu allen Personen im Buch erstellt werden. Dazu hat Duve ihr ganzes Zimmer mit Stammbäumen und Kleidern, Schmuck etc. aller Charaktere „volltapeziert“ (Schmunzeln aus unseren Reihen;)); es gibt wohl sogar einen eigenen Bereich für Erfindungen in ihrem Haus, in dem Duve Dinge wie das Postwesen und die Funktion von Eisenbahnen der damaligen Zeit, ja sogar, wie man früher eine Zigarette anzündete, nachstellt, um möglichst realitätsnah über Von Droste Hülshoffs Leben schreiben zu können.
Auf die Frage, wie und aus welchen Gründen sie Schriftstellerin geworden sei, antwortet Duve, dass es schon immer ihr Traum gewesen sei, sich in einem Beruf kreativ auszudrücken; zur Auswahl standen bei ihr hierbei von klein auf immer Autorin, Schauspielerin und Tänzerin und auch Deutsch sei schon immer ihr Lieblingsfach gewesen. Allerdings begann sie nach ihrem Schulabschluss zunächst auf Drängen ihrer Eltern hin, die ihre Entscheidung, Autorin zu werden, bis heute nicht unterstützen würden, mit einer Ausbildung zur Steuerinspektorin, die sie ohne Abschluss beendete. In den darauf folgenden Jahren hatte sie einige Gelegenheitsjobs, arbeitete dann 13 Jahre lang als Taxifahrerin Hamburg. Der Wunsch Autorin zu werden blieb ihr während dieser Zeit immer, aber Duve wusste lange Zeit nicht, wie sie damit beginnen könne. Schließlich habe sie sich doch einen Ruck gegeben, sich informiert und begonnen zu schreiben; zuerst über Dinge, die sie selbst erlebt hat, und später dann auch über fiktive Themen und über historische Personen wie Annette Von Droste Hülshoff. 
Weiter erzählte Duve von ihrer Zusammenarbeit mit den Verlagen, von ihrem Alltag als Autorin sowie von ihrer Herangehensweise beim Schreiben von Büchern.
Eine Schülerin fragte Duve nach dem Leben einer Autorin sowie dessen Vor- und Nachteile. Darauf antwortete sie wahrheitsgemäß, dass nicht alle Menschen für ein Leben als Autorin geschaffen seien. Das Leben sei hart; man müsse viel Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen haben und sich darüber im Klaren sein, dass man während des Schreibens praktisch ein Leben in Isolation führe und kaum Kontakt zur Außenwelt habe. Auch führte sie an, dass viele herangehende AutorInnen glauben, die nächste J.K. Rowling zu werden (erneutes Schmunzeln;)), aber nur die wenigsten SchriftstellerInnen von dem Geld ihrer Bücher wirklich reich werden können, vor allem in der Zeit von „Netflix“ und „Amazon Prime“, in der immer weniger Jugendliche Interesse an Büchern hätten. Auf der anderen Seite war es nie Duves Ziel, reich zu werden, sondern vielmehr ihren Spaß am Schreiben mit dem Beruf zu verbinden und somit ihrem Traumberuf ausleben zu können. Auch die Anerkennung und die vielen Auszeichnungen motivieren sie dazu, niemals mit dem Schreiben aufzuhören.
Ihre Reaktion auf Kritik? – „Es ist schlimm; vor allem wenn man das Gefühl hat, dass diese Kritik zu Unrecht erfolgt.“ Das Schlimmste sei jedoch überhaupt keine Resonanz; man schreibe beispielsweise drei Jahre lang an einem Buch und niemand interessiert sich schlussendlich dafür. Dies treffe einen natürlich elementar, da so viel Zeit und Leidenschaft in dieses Buch gesteckt worden seien.

Zuletzt gab Duve uns noch einige Tipps zur Berufswahl mit auf den Weg: Erst einmal in verschiedenste Studiengänge und Ausbildungsberufe „reinschnuppern“ und sich Zeit lassen, die richtige Entscheidung zu treffen, anstatt sofort mit dem Studium oder der Ausbildung zu beginnen. Den angehenden Autorinnen unter uns rät sie, sich zu informieren, Kurse oder gegebenenfalls Studiengänge zu besuchen. Besonders wichtig sei es, sich ein eigenes Netzwerk aufzubauen und Kontakt zu AutorInnen, AgentInnen und Verlagen aufzubauen; sie selbst habe sich dabei sehr ungeschickt angestellt.

Das Gespräch mit Karen Duve war für uns alle ausgesprochen interessant, vor allem die Einzelheiten aus dem Leben einer Schriftstellerin, da wir uns beim Lesen von Büchern bis jetzt nie über deren Entstehung und die VerfasserInnen dahinter gemacht haben. Karen Duve hat alle unsere Fragen sehr souverän beantwortet und war durchaus sehr inspirierend. 
Wir alle haben viel aus dem Werkstattgespräch mitgenommen; vielen Dank, Frau Duve!

Text und Foto Luzie Brings, Q1

 

 

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