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VISIONEN

Eindrücke von der gestrigen Ausstellungseröffnung im Romaneum

VISIONEN

Eindrücke von der gestrigen Ausstellungseröffnung im Romaneum

 

Zahlreiche Besucher kamen zu der gestrigen Eröffnungsveranstaltung am 6.November 2019 im Romaneum und waren sich einig darüber wie lohnenswert ein Besuch dieser beeindruckenden Ausstellung ist, die noch bis zum 28. November 2019 zu besichtigen sein wird. 

Eröffnet wurde die Veranstaltung durch Frau Hebben, Fachbereichsleiterin Kultur, Gesellschaft und Politik der Stadt Neuss, die ihrerseits die außerordentliche Leistung der beteiligten Schülerinnen und ihrer Kunstlehrer würdigte. Gezeigt wurden Arbeiten aus Klassen der Jahrgangsstufen 6,7,8 und 9 (Leitung Andrea Gruschka) sowie Zeichungen, Malerei, Skulpturen, Installation und Grafik aus den Leistungskursen der Jahrgangsstufen Q1 und Q2 und aus Grundkursen der Jahrgangsstufen EF,Q1 und Q2 ( Leitung Olaf Gruschka). Tilman Latzel, Schulleiter des Gymnasium Marienberg zeigte sich im Rahmen seiner Eröffnungsrede ebenfalls sehr beeindrucht von der Vielfalt der künstlerischen Exponate.

 

Olaf Gruschka gab im Vorfeld der Ausstellungseröffnung erste Erklärungen zur Wahl der Titels der Ausstellung und kündigte sie folgendermaßen an:

"Visionen und Innovationen entsprechen sich. Für einen Wandel bedarf es immer beider Aspekte. Im Wandel finden wir manches, was sich als modern präsentiert, gesellschaftlichen Interessen entgegenkommen möchte. 

Modern ist aber nicht von vornherein innovativ und auch nicht immer visionär. Modern ist nicht gleichbedeutend mit Kunst.

In die Zukunft zu schauen, heißt immer auch den Blick auf das Bewährte zu richten. Dieses bildet das Fundament, Neues zu wagen. Dazu bedarf es der Vision, die das Initial der Innovation ist. 

Auf der Basis unterrichtlicher Arbeit zeigen die Schülerinnen ihre Visionen als Artefakt.

Das eindeutigste Merkmal künstlerischer   Innovationen ist ihr Neuheitsgrad. Er reicht von geringfügigen Veränderungen bis hin zu fundamentalen Neuerungen. Es gibt Basisinnovationen, Optimierungsinnovationen und Scheininnovationen/kosmetische Verbesserungen. Die Unsicherheit bei einer künstlerischen Innovation hängt maßgeblich mit dem Neuheitsgrad zusammen, weil es dann umso schwerer ist, auf  erprobtes Wissen zurückzugreifen. 

Die Planung einer künstlerischen Arbeit geht immer mit einer Unsicherheit einher. 

Glückendes künstlerisches Arbeiten ist Innovation. Dies  bedeutet im Wortsinn Neuerung, muss aber keine physische Angelegenheit sein. Die künstlerische Arbeit ist mehr als eine Erfindung und mehr als eine Vision. Genügte der Geistesblitz für die Erfindung, so bedarf die künstlerische Arbeit  der Umsetzung, muss erfolgreich durchgesetzt werden, um Innovation sein zu können. Innovationen und Kunst  verändern ,krempeln unseren Alltag um. Aber was genau ist das Besondere daran? Das Ziel muss es sein, Innovationen zur Routine zu machen.

Kunst aktiviert Denken und Handeln, überwindet die Trägheit des Bekannten und erweitert den Horizont."

 

Wir geben über die folgende Bildergalerie einen Einblick in die gestrige Ausstellungseröffnung. Im Anschluss finden Sie Texte von O. Gruschka mit erläuternden Hinweisen zur Darstellungsabsicht und den damit verbundenen künstlerischen Prozessen.

 

 

Künstlerische Darstellungsabsicht und damit verbundene künstlerische Prozesse - eine Hinführung von Olaf Gruschka

 

Surrealistische Bildwelten in Acryl  

In der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Surrealismus galt nicht nur Max Ernst und den anderen bekannten Protagonisten der Szene  die unterrichtliche Aufmerksamkeit. Ausgehend von den Bildwelten des japanischen Künstlers Tesuya Ishida integrierten  die Schülerinnen ihr Selbstbildnis mit den Mitteln der Imagination, Kombinatorik und Metamorphose in die Aggregaträume seiner  Objektbildwelten.

Oft sind es Menschen, die in Gegenstände verwandelt werden, wie Verpackungen, Transportbänder, u.a.m. Es gibt auch oberflächlich angenehme Gemälde, in denen die mit der Natur verschmolzenen Räume der Menschen dargestellt werden, als ob die Menschen in ihnen durch Fantasie ihrer tristen Umgebung entfliehen würden. 

 

Verhältnis von Wissenschaft und Technik

In einem Aufsatz zu den praktischen Folgen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts erörtert Habermas 1963 (Habermas, Theorie und Praxis, Sozialphilosophische Studien, dritte Auflage 1982, Frankfurt.a.M. Seite 336 ff) die Umkehr des Verhältnisses  der einst  reflexiv-freiheitlichen  Wissenschaft zur Technik und die Wechselwirkung des institutionellen, sozialen Rahmens der Individuen mit der expandierenden Technologie. Beschrieben wird das das allmählich passive Hinterherhinken der sozialen Wirklichkeit, die sich längst technischen Entwicklung untergeordnet hat.

 

Dialektik der Aufklärung

Konnotierten Wissenschaft und Technik einst  Befreiung von und Erleichterung zu und standen beide unter der Herrschaft des kommunikativ miteinander vernetzten Subjekts, dann ist die ehemalige Befreiung in Analogie zu Dialektik der Aufklärung längst in ihr Gegenteil umgeschlagen.

Einst, so Habermas, wurde der Fortschritt der Wissenschaft mit Reflexion, mit der Zerstörung von Vorurteilen gleichgesetzt. Der Fortschritt der Technik bedeutete die Befreiung von repressiven Gewalten der Natur und der Gesellschaft. Heute sei die Wissenschaft als Motor des technischen Fortschritts selbst zur ersten Produktivkraft geworden. Aber keiner erhoffe sich davon eine Erweiterung der Reflexion. 

Habermas trifft dann die Unterscheidung von Technik als Aggregat von Mitteln und technischen Regeln.

Technische Mittel haben eine arbeitsentlastende Funktion.

Sie beziehen sich auf Maschinen, Automaten und Instrumente. Technik impliziere aber auch ein System von Regeln, das zweckrationales Handeln festlege – also Strategien und Technologien.  Die Regeln rationaler Wahl sind, so Habermas, Strategien. 

Die Regeln instrumentalen Handelns sind Technologien.

Technologien seien Sätze, die Verfahrensweisen festlegten, sie seien selber keine technischen Mittel. Technische Mittel hätten lange Zeit die Organleistungen des Menschen verstärkt, und wenn sie nicht mehr mit dem Energievorrat des Menschen arbeiteten,dann so Habermas, waren sie in der Lage, die Organe zu ersetzen. 

Die Technik des neuen Stils basiere auf einer neuen Grundlage.

Hier würden nicht mehr sensorische Leistungen ersetzt, sondern die Intelligenz und Organleistungen in selbstregulierenden Kreisläufen. Diese kybernetischen Anlagen arbeiteten nicht nach starren Programmen, sondern entwickelten in der Anpassung an variable Umweltbedingungen selbstständig neue Strategien.

Die Technik des neuen Stils nehme dem Menschen nicht nur seine Operationen, sondern auch seine Kontrollleistungen ab.

Mit der neuen Technik könne sich der Mensch als Homo Faber erstmalig vollkommen ersetzen und damit objektivieren und den in seinen Produkten verselbstständigten Leistungen instrumentalen Handlungen auch gegenübertreten.

Über diese Stufe der vollständigen Automatisierung hinaus könne es, so Habermas, keine weitere Entwicklung der Technik geben, denn es seien  keine weiteren Bereichen des Menschen objektivierbar.

Doch!, so räumt er ein. Wenn der Mensch nicht mehr nur der Technik gegenübertrete, sondern in die Technik integriert werde, ergäben sich  die Maschine-Mensch-Systeme.

Hier müsse dann das Zusammenspiel von mechanischer Leistung und menschlichen Reaktionen gesteuert werden. Auf dieser Stufe habe sich dann das Verhältnis von Mensch und Maschine umgekehrt. 

Die Führung der Mensch – Maschine –Systeme sei auf die Maschine übergegangen.

Der Mensch habe die Rolle des kontrollierten Einsatzes technischer Mittel abgegeben. Segmente menschlichen Verhaltens seien auf die Ebene von gesteuerten Maschinenteilen herabgesetzt.

Nicht einmal die Rolle des Konstrukteurs müsse ein Privileg des Menschen bleiben.

Man kann, so Habermas, dies optimistisch als liberale Deutung der Technik verstehen. 

Die wachsenden Reichweiten technischer Verfügungsgewalt seinen nur dann unproblematisch, wenn der technisch – wissenschaftliche Fortschritt im Willen und Bewusstsein der miteinander herrschaftsfrei kommunizierenden Subjekte festgemacht sei und sich nicht selber automatisiert habe.

Wissenschaft, Technik, Industrie, Militär und Verwaltung seien  heute, so Habermas, längst Elemente, die sich gegenseitig stabilisieren und deren Interdependenz wachse.

Die Erzeugung technisch verwertbaren Wissens, die Entwicklung der Technik, die industrielle und militärische Verwertung der Techniken und eine umfassende Administration aller gesellschaftlichen Bereiche, der privaten wie der öffentlichen, wüchsen heute, so erscheine es, zu einem krisenfesten und dauerhaften System zusammen, angesichts dessen subjektive Freiheit und autonome Zwecksetzung zur Bedeutungslosigkeit herabgesetzt seien.

 

Seit den Tagen Galileis richte sich die Forschung nach dem Grundsatz, Prozesse in dem Maße erkennen zu können, in dem wir sie künstlich reproduzieren könnten.

Die modernen Wissenschaften erzeugten deshalb ein nomologisches Wissen, das seiner Form nach technisch verwertbares Wissen darstelle.

Eine unmittelbare Abhängigkeit der modernen Wissenschaft von der Technik habe zunächst nicht bestanden, wenn man von der Nutzung eines Mikroskops absehen wolle, das immerhin bereits tradierte Handwerksleistungen sprengte.

Dieses Verhältnis von Wissenschaft und Technik habe sich inzwischen in dem Maße geändert, als die Naturwissenschaften nicht nur vorhandene Naturabläufe reproduzierten, sondern sich anschickten, neue Naturprozesse selbst in Gang zu setzen. Nun sei die Forschung von der Technik abhängig. Es bestehe fortan ein Interaktion zwischen wissenschaftlichen und technischen Fortschritten.

Mit der Industrieforschung großen Stils im 19. Jahrhundert haben sich, so ‚Habermas, Wissenschaft, Technik und Verwertung zu einem System kommunizierender Röhren entwickelt. 

Dieses System, das die materielle Grundlage moderner Gesellschaft darstelle, arbeite aber nicht nach den koordinierten Plänen handelnder Subjekte.

Der dynamische Zusammenhang von Wissenschaft, Technik, Industrie , Verwaltung  und Militär strukturiere sich über den Köpfen der Menschen und folge als technischer Fortschritt seiner Richtung ohne Direktiven von außen oder unten. Er werde gleichsam zu einem Naturprozess.

Wie bereits in der Dialektik der Aufklärung dargelegt bestehe die Ironie des Geschehens darin, dass die wissenschaftlich angeleiteten Systeme zweckrationalen Handelns in die gleiche Dimension der Naturwüchsigkeit zurücksänken, in der sich bis heute die historischen Wandlungen der wild gewachsenen Institutionen stets vollzogen hätten.

Im Anblick dieses technischen Fortschritts stellten sich deshalb Vergleiche mit biologischen Vorgängen ein. Die Verfestigung des Systems verwissenschaftlichter Zivilisation könnte man dann, so Habermas, analog als sekundäre Naturwüchsigkeit bezeichnen.Die Aggregate technischer Mittel und die Systeme zweckrationalen Handelns entfalteten sich aber keineswegs als Sachzwang autonom, sondern jeweils im institutionellen Rahmen bestimmter Gesellschaften, die durch Interesselagen vorgezeichnet seien.

Es empfehle sich auf der analytischen Ebene zwei Elemente zu unterschieden.

Den institutionellen Rahmen eines Gesellschaftssystems oder die soziale Lebenswelt. Soweit unsere Handlungen vom institutionellen Rahmen bestimmt sind, werden sie durch sanktionierte Verhaltenserwartungen normativ zugleich gesteuert und erzwungen.

Soweit unsere Handlungen von den technisch fortschreitenden Systemen geregelt werden, entsprechen sie dem Muster instrumentalen oder strategischen Handelns und lassen sich als Anpassungsreaktion an wechselnde Umgebungen auffassen.

Die Frage laute nun, so Habermas: Wie wirken die die technisch fortschreitenden Systeme auf den institutionellen Rahmen zurück, in den sie eingebettet sind?

Wie ändern sich Kulturpraktiken und Herrschaftsverbänden Gefolge von Änderungen der Techniken gewaltsamer Selbstbehauptung?

Die langfristig strukturalen Veränderungen des institutionellen Rahmens (soweit sie durch den technischen Fortschritt ausgelöst sind) vollzögen sich als passive Anpassung. Sie sei nicht das Resultat eines geplanten, zweckrationalen und am Erfolg orientierten Handelns, sondern Produkt einer naturwüchsigen Entwicklung.

Der aktiven Anpassung an die äußeren Bedingungen der Existenz entspreche also eine passive Anpassung des institutionellen Rahmens an die technisch fortschreitenden Systeme.

Ein Handeln nach technischen Regeln bemesse sich allein an den Kriterien des Erfolgs.

Während das Handeln unter gesellschaftlichen Normen immer auch einen historisch veränderbaren Grad von Herrschaft, Emanzipation und Individuierung reflektiere, gehe dieser Aspekt des reflexiven Handelns verloren,wenn man den Wandel des institutionellen Rahmens nur als eine abhängige Variable im Prozess der Selbsterhaltung auffasse. Die Selbsterhaltung werde garantiert durch die technisch fortschreitenden Systemen, die dem Muster instrumentalen oder strategischen Handelns entsprächen und sich als Anpassungsreaktion an wechselnde Umgebungen auffassen lassen.

Wenn das so sei , dann finde sich kein anderes Kriterium für dessen  Rationalität kein anderes Kriterium als den Erhalt sich selbstregulierender Systeme der Verbindung von Mensch-Maschine-Aggregaten, die nicht mehr vom Menschen kontrolliert werden.

In Zukunft werde sich das Repertoire der Steuerungstechniken erheblich vergrößern. Psychotechnische Verhaltensmanipulationen könnten schon heute den altmodischen Umweg über verinnerlichte und reflexionsfähige Normen ausschalten. Biotechnische Eingriffe in das endokrine Steuerungssystem und erst recht Eingriffe in die genetische Übertragung von Erbinformationen könnten morgen die Kontrolle des Verhaltens noch tiefer ansetzen.

Auf dieser Stufe der Humantechniken, wenn vom Ende der psychologischen Manipulationen in einem ähnlichen Sinn die Rede sein könnte wie heute vom Ende der politischen Ideologien, wäre die naturwüchsige Entfremdung, das unkontrollierte Nachhinken des institutionellen Rahmens überwunden. Auf dieser Stufe machten die Menschen dann ihre Geschichte mit Willen, aber ohne Bewusstsein.

Dieser Herausforderung durch die Technik sei nicht allein mit Technik zu begegnen. Es gelte vielmehr, eine politisch wirksame Diskussion in Gang zu bringen. Die das gesellschaftliche Potenzial an technischem Wissen und Können zu unserem praktischen Wissen und Wollen rational verbindlich in Beziehung zu setzen.

Rationalisierung der Herrschaft dürften wir nur von Verhältnissen erhoffen, die die politische Macht an Dialoge gebundenes Denken begünstige.

Die lösende Kraft der Reflexion könne nicht durch die Ausbreitung technisch verwertbaren Wissens ersetzt werden.

 

Olaf Gruschka

 

 

 

 

 

Die artifizielle Tierplastik als ästhetische Vermittlung defizitärer Erfahrbarkeit der Natur

 

Flamingos, Enten und Pinguine als skulpturale Installationen. Zunächst sind die Tierplastiken  ein echter Hingucker.

 

Natur ist nur als Defizit erfahrbar. 

 

Die artifizielle Tierplastik als ästhetische Vermittlung der nicht mehr vorhandenen Natur. Es gibt keine Natur mehr, die nicht vom Menschen überformt oder in Reservationen gezwängt wurde. Natur ist nur als Defizit erfahrbar. Hier setzt die ästhetische Vermittlung ein, die kraft des theoretischen Geistes versucht, das Verlorene zu vergegenwärtigen. Wir gehen in den Park, den Garten, das Naturschutzgebiet, den Zoo, fahren Fahrrad und Offroad. Wir flanieren in urbanen Landschaften, spazieren, wandern und reisen. Eine Unruhe macht sich breit, um das Verlorene wieder erfahrbar zu machen. Ein romantischer Gedankengang, der sich in der Ästhetik ausformuliert.

 

Landschaft: Geistiges Produkt der Neuzeit

 

Die ursprünglichen Verwendungsweisen, in denen ‘Landschaft’ rechtlich-politische Bedeutungen hatte, sind heutzutage weitgehend ungebräuchlich. In der Neuzeit erhielt das Wort ‘Landschaft’ erstmals eine ästhetische Bedeutung, die bis heute dominiert: ‘Landschaft’ nannte man zunächst in der Fachsprache der Malerei die um 1500 entstandene zentralperspektivische Darstellung einer schönen Gegend. Der Begriff ging später in die Umgangssprache ein und bezeichnete nun das Ergebnis bzw. den Inhalt einer bestimmten Form von ästhetisch-subjektiver Wahrnehmung, in der ein empfindender Betrachter eine von der Natur allein (Naturlandschaft) oder von Natur und Menschenhand (Kulturlandschaft) geformte Gegend – im Rahmen kulturell geprägter Wahrnehmungsmuster – als harmonische, individuelle, bildhafte Ganzheit betrachtet. Das heißt, die Einheit einer Landschaft resultiert nicht aus einem Kausalzusammenhang der objektiven Gegenstände in einem Gebiet, sondern aus unserer ästhetischen, selektierenden und synthetisierenden Wahrnehmung.

1200 machte sich Petrarca auf die Wanderschaft.

Petrarca war ein Anhänger der Lehren des Aurelius Augustinus, einem Philosoph und Kirchenvater um 400, der das geistige Leben auf die schauende Begegnung mit Gott gründete. Augustinus prägte die Richtung des mittelalterlichen und neuzeitlichen Denkens.  

Im Sinne die Natur als eines mit sich selbst und Gott zu erleben, nimmt Petrarca eine beschwerliche Bergbesteigung vor.  Die Bergbesteigung  fand angeblich am 26. April 1336 statt, als Petrarca genauso alt war wie Augustinus nach seiner Bekehrung. 

Die Darstellung der erhabenen Bergwelt um ihrer selbst willen scheint in diesem Punkt im Vordergrund zu stehen, was manche Forscher dazu verleitet hat , Petrarca als den ersten Bergsteiger und Naturfreund der Neuzeit zu bezeichnen: Er „sah nun wirklich das was zu sehen ich hergekommen war (...) sehr klar zur Rechten die Gebirge der Provinz von Lyon, zur Linken sogar den Golf von Marseille (...). Die Rhone lag mir geradezu vor Augen“ 

 

Natur- und Landschaftsbegriff bei Ritter

In dem Text von Joachim Ritter geht es um den Natur- und Landschaftsbegriff und deren Betrachtung im Wandel der Jahrhunderte und der philosophischen Epochen. Francesco Petrarca bediente sich, wie später auch andere Ästhetiker, in seinen Schriften der Begriffe „Schönheit“, „Kunst“ und „Dichtung“. Doch verbargen sich hinter diesen Ausdrücken andere Bedeutungen. Der Begriff „Schönheit“ bezeichnete im engeren Sinn nur die menschliche Schönheit, nicht diejenige der Natur und Kunst. Im weiteren Sinn bezog er sich nicht  nur auf den Körper, sondern auch auf den Geist. „Kunst“ bedeutete im Sinne der Tradition des Altertums und des Mittelalters – anders als heute – jegliche Fähigkeit Dinge hervorzubringen, also nicht bloß das Schaffen von Bildern oder Versen, sondern jedes produktive Können. Die Definition von „Dichtung“ entsprach in der klassischen Zeit nicht einer Kunst, da die Griechen überzeugt waren, dass sie auf Inspiration beruhe. 

Erst nach Aristoteles, der zeigte, daß die Dichtung gewissen Regeln unterworfen sei, wurde sie als eine Art Kunst bezeichnet. Die Begriffe für Ästhetik hatten also in der klassischen Antike eine ganz andere Bedeutung, ebenso die Natur. 

 

Drei Aspekte sind im Text beschrieben: 

- Der Nutzungsaspekt: Bei der ländlichen Bevölkerung wird die Natur rein als Mittel zum Zweck benutzt (z.B. die Felder dienen dem Ackerbau, die Gewässer nutzen dem Fischfang, die Wälder dienen der Holzgewinnung, etc.). 

- Der wissenschaftliche Aspekt: Die Wissenschaft bemüht sich um die Erforschung der Natur. Die Natur wird in Teile zerlegt, fragmentiert. 

- Die Natur zur inneren Seelenfindung als philosophischer Begriff: Die freie Betrachtung der ganzen Natur war über Jahrhunderte hin von Griechenland allein Sache der Philosophie. Das war die klassische, ursprüngliche Begriffsauffassung der Natur. 

Petrarca sieht sich aber, am Gipfel des Berges angekommen, im Anblick der Natur nicht liebend Gott gegenwärtig, sondern ist überwältigt von dem Anblick des Panoramas und der Schönheit der weiten Landschaft. 

Die wird jedoch von der klassischen Philosophie, im Sinne Augustins als „das Vergessen des Selbst“ getadelt.  Durch die Erlebnisse seiner Bergbesteigung war Petrarca einer der ersten, der den „neuen“ Naturbegriff in der modernen Gesellschaft geprägt hat.  

Petrarca bereift Natur nicht als Zweck- und Nutzenbezogen, sondern als Landschaft unter ästhetischen Gesichtspunkten ausschließlich zur Betrachtung 

Die Natur wird um ihrer selbst Willen aufgesucht. Das Hinausgehen um den Genuss dies zu erleben wird beschrieben. 

  Mit diesen Empfindungen war Petrarca einer der ersten, die sich der Natur in einem ganz besonderen, dem „Forschen und Wissen“ unterschieden Sinne näherte. Getrieben von der Begierde, die ungewöhnliche Höhe eines Ortes in unmittelbarer Anschauung kennenzulernen wird die Natur zum Landschaftserlebnis – nur zum Genuss betrachtet. 

Nutzraum wird dadurch zur ästhetischen Landschaft, die kraft des theoretischen Geistes die nicht mehr vorhandene Natur substituiert. 

Die Installation: Skulpturales Animal Hoarding ist, in Analogie zum Begriff der Landschaft bei Joachim Ritter,  eine ästhetische Vermittlung der nicht mehr vorhandenen Natur. Dies geschieht mit den Mitteln eines skulpturalen Repräsentationssystems der Wirklichkeit. Hier bedarf es ebenso wenig der Philosophie  wie Petrarca der Bergbesteigung bedurft hätte.

 

Olaf Gruschka

 

 

Marathon

 

Drahtfiguren zeigen einen Marathonlauf

Drahtstudien zur menschlichen Figur – Übungen zu Proportionen und Bewegungsabläufen

 

Die menschliche Gestalt mit ihren Proportionen steht seit jeher im Mittelpunkt aller bildkünstlerischen Gattungen. So konnte der Kunsthistoriker Erwin Panofsky „die Entwicklung der Proportionslehre als Abbild der Stilentwicklung von der ägyptischen Kunst bis zur italienischen Renaissance und bis zu Albrecht Dürer entschlüsseln“, musste aber feststellen, dass der moderne, antinormative Subjektivismus „mit der Proportionslehre nichts (mehr) beginnen“ konnte. 

Dennoch bleibt auch in den Realismus-Varianten der Postmoderne die darzustellende Realität der menschlichen Figur Voraussetzung für Form, Stil und Ästhetik. 

 

Das planimetrische System

Die ägyptische Darstellungen kennen in der Malerei  keine Bewegung. Sie organisieren die Darstellung mittels eines  planimetrischen Systems

Das Mittelalter kennt zwar die Bewegung, verfügt aber über keine Tiefenwirkung, Figuren werden gleichsam bewegt, stilisiert.

 

Die fakturalen Proportionen

In der Antike gibt es in der Darstellung  organische Bewegung, die Perspektive des Betrachtes wird eingenommen. Es entsteht ein System der fakturalen Proportionen.

Renaissance: Mathematisierung

In der Renaissance: Mathematisierung, wissenschaftliche Regelung aller Verkürzungen bewegter Darstellung

Die  Renaissance praktiziert eine Bezugnahme auf die Antike ( keine Imitation der Antike, sondern Hilfestellung um eigene Kultur und Literatur darzustellen. Abkehr vom Gottbezogenen Weltbild – der Mensch wird zum Kristallisationspunkt

Der Mensch begreift die Welt als schön- das diesseits wird positiv gesehen und kein Hindernis auf dem Weg zu Gott, sondern ein Feld wo die Göttlichkeit des Menschen sich auswirken kann

Der Mensch erkennt seine Einzigartigkeit – Gott hat den Menschen nach seinem Abbild geschaffen – Es zählt nun die im Inneren des Menschen wohnende Geistigkeit – Genie

Zu Ehren Gottes versucht die Renaissance die Welt wissenschaftlich zu erkunden.

Die führt zu einer naturalistischen Proportionslehre mit eigenen Idealen

Laufen ist  der Dünger fürs Denkorgan. Laufen macht kreativ, denn es fördert das divergente Denken. Statt logisch rational und gerade zu denken, schweifen unsere Gedanken querfeldein, spielen mit dem, was wir wissen. Das Denken geht in viele Richtungen, statt bei einem Thema zu verharren. Es kann Widersprüche verarbeiten und findet neue Lösungswege. Nicht Formeln und Begriffe dienen als Denksprache, sondern Bilder und Visualisierungen. Die erhöhte Sauerstoffversorgung des Hirns verantwortet diesen Kreativitätsschub. Sauerstoff bewirkt ein gut durchblutetes, denkfreudiges Hirn. ACTH ist eigentlich ein Stresshormon, das unter anderem die Aufgabe hat, klares Denken und Konzentration in Stresssituationen zu ermöglichen. Es senkt den Blutdruck und wirkt entspannend. Deshalb wird es in der Literatur gerne als Kreativitätshormon bezeichnet. Im Sprachschatz ist dieses Wissen längst verankert, denkt man daran, was man alles laufend erledigt. 

 

Olaf Gruschka

 

Das Bild als Schein oder Sein

 

Schülerinnen arrangieren ein Stillleben mit Farbdosen und erstellen eine Fotografie, der als massenhaftes Produkt jegliche Aura fehlt. Nun zielen Sie in der weiteren Arbeit auf die Diskrepanz zwischen Foto und Malerei, zwischen Bild und Wirklichkeit. Die Formen der Fotografie werden auf die Leinwand übertragen. Die  Herstellung einer bloßen Abbildhaftigkeit wurde jedoch vermieden, indem mit einem weichen Pinsel die noch feuchte Ölfarbe verwischt wurde.

Harmonie parallel zur Wirklichkeit.

Es entsteht damit eine ganz eigene Wirklichkeit zwischen Ding, Foto und mimetischer Malerei. Eine Harmonie parallel zur Wirklichkeit.

Die provozierte Unschärfe beschreibt ein  Möglichkeit, einen Erkenntnisprozess zu fördern, der eindeutige Wahrheiten reflektiert. 

Gerhard Richters künstlerische Praxis ist überaus komplex und umfangreich: sie umfasst nicht nur verschiedene Arten der Malerei, von gegenständlich bis abstrakt, sondern auch unterschiedliche Bildkategorien. Viele seiner frühen Gemälde sind bekanntlich verwischte Wiedergaben von ganz banalen Fotos aus dem Alltag wie zum Beispiel Zeitungsfotos oder Schnappschüssen von der Familie. Da seine Malerei hoch ambivalent, kritisch und formal zugleich folgt Richter widersprüchlichen Neigungen zu verschiedenartigen Kunsttraditionen. 

„Kuckuckseier“

Richter selbst erklärt: „ So gesehen, versuche ich doch mit einem Bild nichts anderes, als das Unterschiedlichste und Widersprüchlichste in möglicher Freiheit lebendig und lebensfähig zusammenzubringen“. Die Vermischung von scheinbar Gegensätzlichem, Malerei und Fotografie, Selbstgerechtem und Vorgefundenem, Abstraktion und Gegenständlichkeit. Einige seiner Bilder bezeichnet Richter selbst als „Kuckuckseier“, die für etwas gehalten werden, was sie nicht, oder nicht ganz, sind. In diesem Sinne lassen sie sich auch als Beispiele einer Null- oder gar Anti-Malerei verstehen. 

Das Banale hat eine traumatische Wirkung.

So kann jedes Bild auch, ja selbst jede Serie, unterschiedlich sein. Sie können gewissermaßen zufällig werden. Seine Absicht ist es Fotografie „nicht als Mittel für eine Malerei zu benutzen sondern die Malerei als Mittel für das Foto zu verwenden.“ Banalität könnte der Sammelbegriff besonders für den Rückgriff auf die Vereinfachung, den traumatischen Aspekt der Fotografie und das wehrhafte Potential der Malerei sein. „Es ist wie eine Art Flucht!“ sagte Richter einmal zur Rolle der Banalität in seiner Kunst. 

Laune des Scheins in modernen Zeiten.

Beim Verwischen sind die Assoziationen noch komplexer: sie können einerseits die Geschwindigkeit des Objekts suggerieren und anderseits die Bewegung des Betrachters. Die Illusion und der Schein sind zugleich  Lebensthema bei Gerhard Richter. Die Malerei beschäftigt sich wie keine andere Kunstart ausschließlich mit dem Schein, welcher sich also weniger Erscheinung als vielmehr unserem Verständnis von Erscheinung widmet. Dabei besteht die Idee der Kunst gerade darin, Kontrolle über den Schein zu gewinnen, ihn als Schein zu definieren und ihn zugleich als unwirklich zu negieren. 

 

In diesem Sinne reflektieren die aufscheinenden Verwischungen die Laune des Scheins in modernen Zeiten.

 

Olaf Gruschka

 

 

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