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Werkstatt-Gespräch
mit der Schriftstellerin Monika Maron

Munin oder Chaos im Kopf
"Besuchen Sie Europa, solange es noch steht...." so heißt es...

Munin oder Chaos im Kopf....

 

"Besuchen Sie Europa, solange es noch steht....",

so heißt es in einer Textpassage des neuen Buchs "Munin oder Chaos im Kopf" von Monika Maron, mit dem sie in diesem Jahr der aktuellen Situation in Europa eine denkbar negative Diagnose stellt.

 

Eingeladen waren die Schülerinnen unserer Leistungskurse Deutsch aus der Jahrgangsstufe 12, die sich gerne der Möglichkeit öffneten, eine aktuelle Schriftstellerin kennenzulernen und ihr im Rahmen eines Werkstatt-Gespäches Fragen stellen zu dürfen, die auf die Reflexion unserer aktuellen gesellschaftlichen Situation durch Monika Maron abzielten und dabei auch die Notwendikeiten reflektierten, denen sich die Existenz einer Schriftstellerin ausgesetzt sieht.

Was veranlasst also Schreibprozesse, wie gestalten sich ursprüngliche Idee und späteres Werk zueinander, was fasziniert Maron so sehr an Krähen, dass sie diese im Rahmen eines Experimentes sogar an ihre Person gwöhnt hat...?Zahlreiche Fragen konnten auf diese Weise Gegenstand des Gesprächs werden, für das wir uns bei Frau Maron und den verantwortlichen Vertreterinnen der Stadtbibliothek ausdrücklich bedanken möchten.

Drei Schülerinnen unserer Kurse haben darauf in Form von eigenen Texten reagiert: Bernadette Riedel stellt einleitend das neue Buch von Monika Maron vor und Anna Orlinski und Sonja Pohl berichten jeweils von ihren Eindrücken während des Gesprächs.

 

 

Bernardette Kochs stellt zunächst die Neuerscheinung "Munin oder Chaos im Kopf" vor:

„Munin oder Chaos im Kopf“ ist ein neuer Roman von Monika Maron, der in diesem Jahr (2018) vom S. Fischer Verlag veröffentlicht worden ist.

In ihrem Roman beschreibt Monika Maron ein Deutschland, welches sich mit konfliktgeladenen Themen und entsprechenden politischen Verhältnissen auseinandersetzen muss und dessen Bürger selbst im alltäglichen Leben immer wieder hochexplosiven Situationen begegnen.

Der Leser erlebt den Roman aus der Perspektive einer Ich-Erzählerin, die als Berliner Journalistin während der Sommerzeit an einem Artikel zu einem von einer westfälischen Kleinstadt gewünschten Festvortrag über den Dreißigjährigen Krieg schreibt. Die Protagonistin Mina Wolf wurde von ihren Eltern nach einer italienischen Schlagersängerin benannt. Diese Erinnerung an „das Leben früher“ spielt schon in dem zitierten Lied der Sängerin eine Rolle. Denn in einem ihrer Lieder heißt es: „Heißer Sand und die Erinnerung daran,/ dass es einmal schöner war.“

Mina Wolf verbringt viel Zeit auf ihrem Balkon und denkt sehr darüber nach, was um sie herum in der Welt passiert. Was sie in Zeitungen liest und im Fernseher hört, erschreckt sie, gleichzeitig beobachtet sie von ihrem Platz aus, was um sie herum in der Nachbarschaft geschieht. Während die Journalistin mühselig versucht, mit ihrer Arbeit voranzukommen, wird sie dabei immer wieder von ihrer Nachbarin, die schräg gegenüber wohnt und häufig durch lauten Gesang auf ihrem Balkon auf sich aufmerksam macht, gestört. Dies hat zur Folge, das Mina sich von ihren Mitmenschen zurückzieht und ihren Tagesablauf in die Nacht verlegt, um in Ruhe und ungestört arbeiten zu können und den Gesangsaufritten ihrer Nachbarin von gegenüber zu entkommen. Gleichzeitig , von ihr zunächst unbemerkt, beginnen in den Häusern um sie herum die Menschen wegen dieses Gesangs zunehmend die Nerven zu verlieren und fangen an, die Polizei einzuschalten, Nachbarschaftstreffen zu organisieren, Proteste zu planen, für die sie auch Mina Wolf gewinnen wollen, was ihnen aber nur teilweise gelingt. Dies ist der Einstieg in die Frage, die Monika Maron ihren Lesern in ihrem Buch aufzeigt. „Die Geschichte der Menschen war die Geschichte ihrer Kriege. Die Frage war nur: Warum? Warum landeten wir trotz aller Einsichten und guten Vorsätze immer wieder in irgendwelchen Katastrophen?“. Diese Frage stellt sich die Protagonistin des Buches und bemerkt zunächst nicht, dass sie sich selbst auf dem Weg in die Katastrophe befindet. In den folgenden Nächten wird sie häufiger von einer einfüßigen Krähe besucht, mit der sich Mina über viele Fragen, die sie sich gestellt hat, unterhält. Die Krähe, die ein sehr negatives Bild von den Menschen hat, beginnt irgendwann zu sprechen. So geschieht es, dass Monika Maron das literarische Bild der Krähe völlig neu definiert. Denn nun ist es nicht mehr die Krähe, die einen düsteren Schatten auf die Welt legt, nein, es ist der Mensch selbst, der in den Augen der Krähe, nur Zerstörung und Tod hinterlässt und daher gar nicht fähig ist, in Frieden zu Leben. Innerhalb der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges glaubt Mina irgendwann parallelen zwischen den aktuellen Ereignissen und denjenigen aus dem 17. Jahrhundert erkennen zu können, da sie in ihrer Nachbarschaft bei den Anwohnern , die sich bereits wegen der gegenwärtigen politischen Lage außerordentlich gereizt fühlen und sich unter Bezug auf den Lärm der Sängerin gegenseitig um den Verstand bringen, eine vorkriegsähnliche Stimmung wahrzunehmen. Dies zeigen auch einige Textstellen, die Maron relativ zu Beginn ihrer Erzählung platziert hat: „Die Menschen waren gereizter und je nach Naturell fatalistisch oder aggressiv geworden, was nicht nur die Bewohner unserer Straße betraf, sondern auch alle anderen“. Hatte eben noch keiner daran glauben wollen „dass es in Europa je wieder einen Krieg geben könnte“, war jetzt „der Krieg sehr nahe“. Auch die Krähe, bestätigt diese Wahrnehmung, da sie den Frieden der Menschen für eine Täuschung hält und meint, die Menschen würden aktuell in einer Scheinwelt mit einem Scheinfrieden leben. Für den Leser ergibt sich daher schnell die Schlussfolgerung, dass es nicht unmöglich ist, einen Krieg zu führen und dass es nur eine Frage der Zeit sein kann, bis es zu einem erneuten Kriegsausbruch kommmt. Mina gibt der Krähe im Laufe der Geschichte den Namen Munin. Dieser Name stammte aus einer alten ägyptischen Legende, die noch von einer Verehrung der Krähen ausgeht, da man sie für weise Tiere hielt. Munin bedeutet die Erinnerung. Diese Funktion nimmt die Krähe auch teilweise in dem Roman von Monika Maron ein, da sie Mina Wolf immer wieder an die Kriege der Vergangenheit, aber auch an biblische Erzählungen wie diejenige vom Paradies mit Adam und Eva erinnert und sodass sich für Mina weitere Verknüpfungen im Rahmen ihrer Überlegungen ergeben. Zugleich hat die Krähe aber auch innerhalb des Romans die Funktion, einen inneres Selbstgespräch der Protagonistin widerzuspiegeln, das damit zugleich an den Leser vermittelt wird, diesem quasi „vor den Kopf geworfen wird.“

An vielen Stellen kann man als Leser aktuelle politische und gesellschaftliche Themen wiederfinden und manche Reaktionen der im Roman beschriebenen Anwohner kommen uns eventuell sogar bekannt vor. Ein Ereignis am Ende des Romans ist eine tragische Situation mit einer Passantin, die auf der Straße mit ihrem Hund spazieren geht. Eine Gruppe von Ausländern, die scheinbar aus dem anliegenden Asylheim stammten, greifen die Passantin an und töten dabei ihren Hund. Solches Vorgänge erlangen häufig in unseren Nachrichten einen großen Akzent und führen bei einigen dazu, solche Ereignisse auf die Allgemeinheit der Immigranten und Asylbewerber zu beziehen, welche Hilfe suchend nach Deutschland gekommen sind.

Der Buchverlag wirbt damit, dass Monika Maron mit ihrem Buch Munin oder Chaos im Kopf das „Stimmungsbild unserer Zeit“ beschreibt. Wir leben demgemäß in einer Zeit, die aus den Fugen gerät und laut Munin befinden wir uns wahrscheinlich schon in einer Art Vorkriegszustand. Aber genau das macht diesen Roman zugleich so spannend aber auch teilweise schwer verständlich. Monika Maron skizziert in ihrem Roman aufs Genaueste die Angststruktur einer Frau, die in einer vermeintlich friedlichen bürgerlichen Großstadtgegend wohnt und sich dennoch bedroht und in ihrer Sicherheit erschüttert fühlt. Dieses Fallbeispiel, welches uns in der heutigen Zeit bisweilen vertraut manchmal entfremdet vorkommen mag, soll nicht die Stimme der Autorin sein, sondern die Bürger unserer Zeit mit den angesprochenen alltäglichen Fragen konfrontieren. Es zeigt auf, wozu es führen kann, wenn man aus einer vagen Angst heraus beginnt, sich Fakten selektiv zu suchen oder sogar selbst zu schaffen.

Die ganze Geschichte ist erzählerisch zwar sehr schön gestaltet, doch nicht immer leicht zu lesen, da sie sehr komplex und passagenweise in stark verdichteter Form gestaltet ist.

Am Ende des Romans und des Sommers ist der Artikel, den Mina Wolf als Auftragsarbeit verfasst hat,fertig, die Antworten der Krähe als Minas eigene Gedankenstimme enttarnt und die unliebsame Sängerin unglücklich ums Leben gekommen. Das ist nicht gerade das Ende, welches der Leser erwartet hätte, denn aufgeklärt ist dennoch nichts und der Leser wird mit einem ambivalenten Gefühl und vielen offen gebliebenen Fragen zurückgelassen.

Anna Orlinski erzählt von ihren Eindrücken während des Werkstatt-Gesprächs:

 

Eine Autorin zum Anfassen

Ein Werkstatt-Gespräch mit Monika Maron

„Alle Fragen sind erlaubt“, so eröffnete Monika Maron, die Schriftstellerin und diesjährige Hauptperson des Projekts „Neuss liest“, am 28.09.2018 das Gespräch mit uns als Schülerinnen der beiden Deutsch Leistungs-Kurse in der Stadtbibliothek Neuss.

Im Unterricht hatten wir uns mit zahlreichen Autoren beschäftigt. Aber die Möglichkeit, einer Autorin so nah zu begegnen, die hatte zuvor noch keine von uns. Natürlich interessierten wir uns für das Leben und die Arbeit einer Schriftstellerin. Wir hatten uns bereits mit M. Marons Biografie beschäftigt und auch einige Passagen aus dem aktuellen Buch „Munin oder Chaos im Kopf“ gelesen.

Zunächst erzählte M. Maron uns, wie sie zum Schreiben gekommen sei: „Ich habe schon immer gerne geschrieben. Mit neun oder zehn Jahren habe ich damit begonnen, Gedichte zu schreiben.“ Maron spricht vom Schreiben als einem sehr persönlichen Akt. Da würde alles einfließen, auch Erinnerungen oder persönliche Erlebnisse. „Deswegen muss man auch so vorsichtig sein.“ Auch bei einer der Hauptpersonen aus ihrem aktuellen Buch habe sie sich an Erfahrungen mit einer Nachbarin orientiert. Diese habe auf ihrem Balkon immer lauthals gesungen, wodurch Maron zu der Person einer verwirrten Sängerin gekommen sei. „Ich musste einfach über sie schreiben, um mit der Situation fertig zu werden“, erzählte Maron mit einem leichten Schmunzeln im Gesicht. Da kam bei uns natürlich die Frage auf, ob alle Ideen in ihren Büchern so entstehen würden. Maron antwortete darauf hin: „Ich schreibe, wenn ich etwas sagen möchte, das bisher noch nicht gesagt wurde. Vorher habe ich nicht so viele Ideen, das Meiste fällt mir beim Schreiben ein. Wenn ich anfange, weiß ich nur, was ich wissen will und finde meine Antwort während des Schreibens.“

Uns interessierte nun natürlich, welche Antwort Maron bei ihrem neuen Buch „Munin oder Chaos im Kopf“ gesucht habe. „Bei diesem Buch war es seltsam.“, antwortete Maron darauf, „Mich hat vor allem die anschwellende Erregtheit der Gesellschaft beschäftigt. Was ist mit uns los? Allerdings habe ich in diesem Buch die Antwort nicht finden können, es bleibt ein Buch der Fragen.“

An diesem Punkt kam uns die intensive Debatte zum Buch „Munin oder Chaos im Kopf“ in den Sinn. Maron wird vorgeworfen, eine rechte Haltung in die Handlung einfließen gelassen und sich fragwürdig im Buch geäußert zu haben. Auch dazu bezieht die Autorin Stellung: „Ich spiegele in meinem Buch die Gesellschaft so, wie ich sie wahrnehme. In diesem Buch bleibt nichts unwidersprochen. Aber wahr ist in jedem Fall, dass ich mit vielem in der Gesellschaft nicht einverstanden bin.“

Anschließend fragten wir noch, wie man als hauptberufliche Schriftstellerin wirtschaftlich überleben könne. „Die Autonomie eines Schriftstellers eine wichtige Voraussetzung.“, sagte Maron. „Im Moment ist die wirtschaftliche Situation durch den großen Wegfall an Lesern sowohl für uns Schriftsteller, als auch für die Verlage schwierig.“ Sie führte weiter aus, dass sie von Vorschüssen und Lesungen leben würde.

Am Ende unseres Gespräches mit der Autorin fragten wir danach, wie sie zum Analysieren literarischer Werke in der Schule stehe. Auch dazu hatte Maron eine eindeutige Position: „So bringt man Kindern die Liebe zur Literatur nicht bei.“ Durch das Gespräch wurde uns Schülern vor allem klar, wie vielschichtig ein Schriftsteller mit dem Buch verwoben ist.

 

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